Sachbuch „Europas vergessene Visionäre“ von Winfried Böttcher

„Europas vergessene Visionäre“ : Gemeinsames Europa auf ihre geistigen Grundlagen zurückführen

Was ist Europa? Der Aachener Politikwissenschaftler Winfried Böttcher will nicht, dass das Wichtigste vergessen wird, dass der Begriff Europa nur mit Krise und Zumutungen verbunden wird, statt mit dem großen Gedankenreichtum einer vielhundertjährigen Geschichte.

Es ist nicht das erste Mal, dass er die wunderbare Idee eines gemeinsamen Europas auf ihre geistigen Grundlagen zurückführt. Schon vor fünf Jahren widmeten sich er und seine Co-Autoren den Klassikern europäischen Denkens aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte. Jetzt werden mehr als 60 europäische Visionäre vom 14. bis ins 20. Jahrhundert porträtiert.

Ja, es sind tatsächlich vergessene Visionäre – zu Unrecht vergessen: Namen, die man oftmals nie gehört hat, Männer (und es sind ausschließlich Männer), die schon vor Jahrhunderten gegen alle Realitäten anschrieben und Herrschaft auf Recht und Frieden gründen wollten. Johann Michael von Loen (1694-1776) entwirft sein Konzept von einem europäischen Staatenbund, der eine haltbare Friedensordnung schaffen und gewährleisten soll – ein Beispiel von so vielen, das prägnant und inspirierend vorgestellt und analysiert.

Der Herausgeber ist sich treu geblieben in seiner unermüdlichen Suche nach den europäischen Fundamenten und in seinem Kampf als Don Quijote für die tatsächlich utopische Konstruktion eines „Europas in einer regionalisierten Republik“. Unterstützt wird Böttcher im Geleitwort von dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse, der jüngst vehement und in zum Teil heftig kritisierter Form für eine Europäische Republik plädierte. Beide wollen nichts wissen von der Utopie eines geeinten Europas, denn sie halten diese Vision keineswegs für ein Wunschbild ohne reale Grundlage, sondern für richtig und realistisch.

Die Realität widerspricht ihnen aber heute mehr denn je; und gerade deshalb ist es so notwendig, dass sie sich so nachdrücklich und mit weitem Horizont für diese große Idee einsetzen. Ermutigt fühlen können sich Böttcher und Menasse von den hier versammelten Visionären. Denn was haben die anderes getan, als eingefahrener Realpolitik und der Macht des Schwertes die Macht des Geistes entgegenzuhalten.

(pep)
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