Roman „Wozu wir da sind“ von Axel Hacke

Roman „Wozu wir da sind“ : Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben

Walter Wemut soll eine Rede halten zum 80. Geburtstag einer Freundin. Nur einige Minuten, ein bisschen Nachdenkliches, ein paar Worte dazu, wie ein Leben gelingen kann. Wemut ist nicht begeistert.

„Bin ich Aristoteles?“, antwortet er abwehrend. Was ist das: ein gelungenes Leben? So richtig weiß er das auch nicht, dabei meinen viele, er sei der richtige Ansprechpartner.

Schließlich ist er Experte für Lebensbilanzen, für den Rückblick auf das, was im Leben gelungen und was schiefgelaufen ist. Der gelernte Bibliothekar, selbst Anfang 60, schreibt Nachrufe für die Zeitung – über Prominente genauso wie über Menschen, die schon in der Nachbarstadt keiner mehr kennt. Wemut ist der Ich-Erzähler in Axel Hackes neuem lesenswertem Buch. Sein Nachdenken über das, was ein gelungenes Leben ausmacht, ist die Vorbereitung auf die Rede, die er halten soll.

Der Untertitel „Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“ ist nicht wörtlich zu nehmen. Handreichungen im Sinne von kleinen Tipps, wie man gelungenes Leben hinbekommt, hat Hacke nicht zu bieten. Auch wenn ein paar davon aufgelistet sind: „Üben Sie das Vergeben und das Vergessen. Notieren Sie sich folgende Stichwörter: Staunen, Respekt, Zärtlichkeit. Und suchen Sie sich einen Friseur, den Sie richtig mögen. Und der Sie mag.“

Wie wichtig ein Friseur ist, dem man vertraut, hat Wemut selbst erfahren: Er tauscht sich regelmäßig mit Agim aus, der zwar nicht immer grammatiksicher ist, aber lebensklug. Statt über die Prinzipien des gelungenen Lebens zu sinnieren, erzählt Wemut von Menschen, denen er begegnet ist: vom Zeitungshändler, der ein „Tagebuch des unbedeutenden Weltgeschehens“ schreibt und in ein großes Album aus den Zeitungen des Tages jeweils einen Text klebt, den er bemerkenswert gefunden hat.

Oder von dem Kollegen, der dienstags immer schwimmen geht, mittwochs Fußball spielen, donnerstags in die Sauna, freitags zu den Kartenfreunden und am Wochenende zum Haus am See. Als er stirbt, hinterlässt er keine große Spuren; aber er hat das Leben geliebt und das Leben ihn.

Axel Hacke (63) schreibt schon lange über Themen, die nicht in erster Linie lustig sind – wie zusammen mit „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo in „Wofür stehst Du? Was in unserem Leben wichtig ist“. Sein vorheriges Buch „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ (2017) knüpft daran an. In gewisser Weise setzt das jüngste das Nachdenken über Fragen fort, die man ruhig philosophisch nennen kann. Hacke hat ihm „Walter Wemuts Literaturliste“ angefügt, in der Texte genannt sind, die ihn zum Nachdenken inspiriert haben, Epiktets „Handbüchlein der Moral“ genauso wie ein Interview mit dem Regisseur Alexander Kluge.

Wie ein Leben gelingen kann? Das lässt sich in einer Geburtstagsfeierrede nur unzureichend klären. Deswegen hat Hacke ein ganzes Buch darüber geschrieben, eines mit vielen Geschichten und auch, weil es auf Fragen wie diese nie nur eine Antwort gibt.

(heim)