Roman "Propaganda" von Steffen Kopetzky

Roman „Propaganda“ : John Glueck zieht in den Krieg

Steffen Kopetzky hat einen brillanten Roman über einen Propagandaexperten der US-Armee geschrieben, der im Hürtgenwald und in Vietnam das Grauen erlebt. Er heißt „Propaganda“ und ist ein grandioses Stück Literatur.

Im kollektiven Gedächtnis der US-Gesellschaft gibt es mehrere große Kriegstraumata. Zu ihnen gehört natürlich Vietnam. Eine ähnliche Erschütterung hat die Schlacht im Hürtgenwald hinterlassen. Mehr als 30.000 amerikanische Soldaten verloren dort im Herbst 1944 ihr Leben. Für die US-Army waren die Kämpfe in der Nordeifel mit die blutigsten während des gesamten Zweiten Weltkrieges. Um beide Gemetzel kreist der neue Roman von Steffen Kopetzky. Er heißt „Propaganda“ und ist ein grandioses Stück Literatur.

John Glueck ist ein schwer gezeichneter Veteran des Vietnam-Krieges. Als Folge eines Chemiewaffen-Einsatzes der US-Armee leidet er an einer unheilbaren Hautkrankheit. Im März 1971 provoziert der „Snakeman“ seine Festnahme. Inhaftiert, weil er Polizisten mit einer Schusswaffe gedroht hat, macht Glueck zunächst keine Anstalten, sich zu verteidigen oder mit der Justiz zu kooperieren. Stattdessen beginnt Kopetzkys Protagonist im Gefängnis, sein Leben aufzuschreiben.

Als junger Mann ist John Glueck in den Kampf gegen die Nazis gezogen. Der angehende Schriftsteller dient bei Sykewar, einer Abteilung der US-Armee für psychologische Kriegsführung. Kurz nach der Landung der Alliierten in der Normandie soll er für das Propaganda-Blatt „Sternenbanner“ ein Stück über Ernest Hemingway schreiben. Leutnant Glueck verehrt den Großautor, folgt dem Mann, der sich einer Gruppe von französischen Widerstandskämpfern angeschlossen hat, bis ins befreite Paris. Doch er lernt dabei einen Hemingway kennen, der sich nicht für ein Heldenepos eignet. „Papa Hem“ steckt in einer tiefen Lebenskrise, säuft wie ein Loch, konsumiert ständig das Aufputschmittel Pervitin, steht im Verdacht, Kriegsgefangene erschossen zu haben.

Roman „Propaganda“ von Steffen Kopetzky, 494 Seiten, 25 Euro, Rowohlt. Foto: Rowohlt-Verlag

Glueck zieht mit den vorrückenden US-Truppen weiter und landet schließlich im Hürtgenwald. Hier sieht er, wie in der „Allerseelenschlacht“ junge, unerfahrene GIs im Kampf gegen Elite-Einheiten der Wehrmacht verheizt werden. Konfuse und planlose Generäle schieben sie hin und her – ohne Rücksicht auf Verluste, als wäre alles nur ein militärisches Sandkastenspiel. Glueck erfährt im „Blutwald“ die ganzen Grauen des Krieges.

Ein Held, der keiner sein darf

Inmitten des Infernos trifft er dann doch noch auf einen Helden. Es ist der deutsche Arzt Günter Stüttgen. In Feuerpausen versorgt er amerikanische und deutsche Verwundete gleichermaßen. Unter all den „bad guys“ auf der anderen Seite der Front gibt es tatsächlich auch einen „good guy“. Über ihn schreibt Glueck. Doch sein Vorgesetzter winkt ab. „Eine spannende, bewegende Reportage“, bekommt Glueck zu hören. „Aber Sie lassen uns schlecht aussehen, John. Und es ist jetzt einfach nicht an der Zeit für deutsche Helden, glauben Sie mir.“ Menschliches Handeln eines Kriegsgegners passt in keine Propaganda, auch nicht in die der Amerikaner.

Während Glueck im Gefängnis an seiner Lebensgeschichte schreibt, erfährt der Leser nach und nach, dass der Protagonist auf brisanten Dokumenten sitzt. Es sind „Vietnam-Papers“, eine Anspielung auf die historischen „Pentagon-Papers“. Sie enthüllen, wie US-Politiker den Eintritt in den Vietnam-Krieg von langer Hand geplant und mit Desinformationen legitimiert haben. Wieder erfährt Glueck, dass Propaganda Wahrheiten vernebelt, dass durch sie Menschen in die Irre und ins Verderben geführt werden. Doch dieses Mal will er nicht länger schweigen. Glueck wird zum Whistleblower. Im Knast wartet er auf seinen großen Auftritt.

In die beiden Erzählstränge des Romans hat Kopetzky eine Vielzahl von Anekdoten und Begegnungen mit historischen Personen eingewoben. Glueck säuft mit dem jungen Charles Bukowski, diskutiert mit „Jerry“ Salinger über Literatur, belegt beim US-Schriftsteller Whit Burnett einen Kurs für kreatives Schreiben. Er trifft Thomas Mann, Stefan Heym und Pablo Picasso. Später parliert er mit John F. Kennedy und schreibt dem Präsidenten unmittelbar vor dessen Deutschland-Besuch den Satz „Ish-pin-ain-BurleenAh“ auf. Glueck springt wie eine Art „Forrest Gump“ durch fast vier Jahrzehnte Geschichte. Häufig steht der Leser vor der Frage: Was ist Fiktion, was sind historische Fakten?

Klug, witzig, unterhaltend

Die vielen kleinen Randerzählungen zeugen von Kopetzkys großer Fabulierlust. Sein eigentlicher Stoff ist zwar schwer. Kopetzky zeigt, dass in jedem Krieg die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. In jedem Krieg stirbt die Wahrheit. Trotzdem ist dem 48-jährigen Autoren aus Bayern nicht nur ein kluger Text gelungen. „Propaganda“ kommt auch leicht, witzig und unterhaltend daher. Dem mitreißenden Roman gebührt das Prädikat: absolut lesenswert.

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