Roman „Maigret im Haus der Unruhe“ von Georges Simenon

Krimi : Kommissar Jules Maigret muss hinter das Geheimnis kommen

Es ist spät in der Nacht – eine unwirtliche, neblige, kalte Nacht. Kommissar Jules Maigret sitzt noch über einem Bericht in seinem Büro, vor sich leere Biergläser, die unvermeidliche Pfeife im Mund. Plötzlich erscheint eine junge verstörte Frau und gesteht einen Mord.

Auch wenn der Kommissar hier als altbewährter Ermittler auftritt, ist es doch sein 0. Fall und dieser Maigret wohl die Ur-Gestalt jenes bulligen, oft griesgrämig dreinschauenden Polizisten, der seit bald 90 Jahren Literaturfreunde begeistert – nicht nur jene, die Krimis bevorzugen.

Sein Schöpfer, der Belgier Georges Simenon (1903-1989), hat ihn danach erneut in 75 Romanen auf Verbrecherjagd geschickt. Und noch öfter, wie weitere Maigret-Erzählungen und auch das jetzt erstmals auf Deutsch im Zürcher Kampa Verlag erschienene Buch „Maigret im Haus der Unruhe“ von 1932 belegen. Denn dies war offenbar einer von vier frühen Versuchen und nach jüngsten Forschungen wohl die wahre Geburtsstunde des Kommissars. Ausführlich nachzulesen im fast ebenso spannenden Nachwort von Daniel Kampa.

Was sich schon zu Beginn in diesem frühen „Maigret“ offenbart, wird später typisch für den Mann und Grundlage für seine beliebte Persönlichkeit sein: seine Empathie, seine Antennen für Stimmungen und Empfindungen, sein überaus feines Gespür für menschliche Regungen – in welche Richtung sie auch immer ausschlagen. Es sind diese inneren Sensoren, die im krassen Kontrast zu dem eher grobschlächtigen Äußeren stehen, die Maigret – ebenso wie die erst Jahre später in Konkurrenz tretenden Miss Marple oder Hercule Poirot einer Agatha Christie auf kriminaltechnische Hilfsmittel verzichten lassen. Ungeachtet dessen, dass diese mit heutigen ohnehin nicht vergleichbar wären.

Nun, die junge Frau, die sich gerade eines Mordes bezichtigt hat, verschwindet so plötzlich, wie sie aufgetaucht ist. Doch Maigret braucht nicht lange, um sie ausfindig zu machen. Sie ist die Tochter eines offenbar ebenfalls verstörten Mannes, der in einem Haus wohnt, das genau wie seine Bewohner eine unbestimmte, nicht gerade angenehme Atmosphäre ausströmt. Tatsächlich wurde hier ein Mann umgebracht. Aber war es wirklich die junge Frau?

Maigret, der Haus und Bewohner immer wieder aufsucht, braucht eine Weile, um hinter das Geheimnis zu kommen. Gesellschaftliche und witterungsbedingte Kälte kompensiert Simenon durch das von einem Kanonenofen wohlig warm beheizte Büro im Polizeipräsidium am Quai des Orfèvres – und mit der Menschlichkeit seines Kommissars.

Ansonsten gibt dieser noch nicht allzu viel Privates von sich preis. Erst in den späteren Romanen erfährt der Leser peu à peu mehr über Maigrets Ehefrau, Freunde, Heim und über ihn selbst. Gelegenheit, den grummeligen sympathischen Mann näher kennenzulernen, gibt es bis heute allenthalben. Immer wieder werden die Geschichten um den Kommissar neu aufgelegt. Laut Daniel Kampa hat allein der englische Penguin Verlag von seiner Neuauflage in den letzten Jahren fast eine Million Bücher verkauft.

Simenon gehöre zu den meistübersetzten Autoren der Welt (in über 60 Sprachen). Er werde von Russland bis Südamerika gelesen und gerade auch in Sri Lanka und Vietnam entdeckt. Auch der Kampa Verlag bringt das gesamte Maigret-Werk – alle 75 Romane und 28 Erzählungen – neu heraus.

(frk)