Roman „ Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt“ von Jo Nesbø

Macbeth. Blut wird mit Blut bezahlt : In Jo Nesbøs Roman wird wieder Blut vergossen

Was die Opferzahl, den „Bodycount“ seines neuen Romans betrifft, hat Jo Nesbø in der erfolgreichen Harry-Hole-Serie schon vergleichbare Gewaltexzesse beschrieben. Doch diesmal erhält das Gemetzel quasi literaturgeschichtliche Weihen – durch die Vorlage von William Shakespeare (1564-1616).

Mit einer modernisierten Adaption der gut 400 Jahre alten „Macbeth“-Tragödie legt der Norweger Nesbø sein bisher ambitioniertestes Buch vor.

Ob es auch sein Bestes ist, hängt wohl von der Bindung des Lesers an die vertraute Figur Harry Hole ab. Denn im Gegensatz zum gefährdeten, letztlich aber moralisch integren Osloer Mordermittler kann Macbeth der Verlockung des abgrundtief Bösen bekanntlich nicht widerstehen. Kein schwankender Sympathieträger wie Hole ist diese Shakespeare-Figur, sondern schon bald ein haltloser Mörder aus Machtgier. Doch weniger faszinierend ist der Antiheld deswegen nicht.

Ausgangspunkt für Nesbøs „Macbeth“ (in Deutschland mit dem platten Untertitel „Blut wird mit Blut bezahlt“ veröffentlicht) war das Hogarth-Shakespeare-Projekt. Es bietet renommierten Schriftstellern die Chance, ihre Neuerzählung eines Shakespeare-Werks zu präsentieren.

„Macbeth“ ist Nesbøs „liebstes Shakespeare-Stück“. Er siedelt seine Version in den 1970er Jahren an, in einer lebensfeindlichen Metropole namens Capitol, deren atmosphärisch eindrucksvolle Beschreibung nach Nesbøs Worten von Glasgow, Newcastle und New York aus jener Zeit inspiriert wurde. Den Dauerregen habe er sich von der norwegischen Stadt Bergen geborgt, und insgesamt sei der düstere Schauplatz des Romans wohl „ein bisschen wie Sin City“ geraten – die fiktive Stadt aus dem berühmten Frank-Miller-Comic.

Um schottische Clans und umkämpfte Throne kann es bei Nesbø natürlich nicht mehr gehen, doch Shakespeares Figuren und das Gerüst der Vorlage von 1606 hat der Bestsellerautor weitgehend übernommen. So entwirft er für den Roman eine Polizei-Hierarchie des 20. Jahrhunderts als Handlungsrahmen – mit dem Chief Commissioner Duncan als „König“ sowie Macbeth und Duff (bei Shakespeare hieß er noch Macduff) als seinen Untergebenen. Macbeth, der fähige und anfangs aufrechte Anführer einer Spezialeinheit, greift nach der ganzen Macht in Capitol – verführt durch bösartige Prophezeiungen, enthemmt durch Drogen, angefeuert von seiner ehrgeizigen Geliebten „Lady“, der eigenen Unverletzlichkeit allzu sicher. Es folgt ein Blutrausch, mit Intrigen, Morden und einem spektakulären Showdown. Macbeths furchtbares Scheitern ist aus dem Original bekannt – wer Shakespeares Drama kennt, kann die Entwicklung bei Nesbø also erahnen. Es ging ihm aber in erster Linie nicht darum, wer der Täter ist (also das klassische „Whodunit“), sondern um das Warum dieser „Reise in die Hölle“.

Nesbø fragt: „Was ließ Macbeth die Grenze überschreiten?“

Abgesehen von manchen Längen auf gut 620 Seiten und kleineren Schwächen in der Neuerfindung des Shakespeare-Dramas (Macbeths Wandel vom guten Cop zum potenziellen Tyrannen kommt allzu plötzlich), trotz einiger arg comichaft ausgemalter Szenen: Dieser „Macbeth“-Thriller ist ein vor allem in seiner Kapitalismuskritik gelungenes Experiment. Eine weitere Romanserie kann daraus logischerweise nicht werden. Umso besser, dass Nesbø die vor gut 20 Jahren gestartete Geschichte des melancholischen Ermittlers Harry Hole fortsetzt: Band Nummer 12 ist für nächstes Jahr angekündigt. Er soll den Titel „Messer“ tragen. (weh)

(weh)
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