Roman „Ida“ von Katharina Adler fesselt den Leser

Gelesen : Roman „Ida“ von Katharina Adler fesselt den Leser

Plötzlich spricht sie mit heiserer Stimme. Regelmäßig fällt sie in Ohnmacht. Schreckliche Bauchschmerzen plagen sie. Über Jahre hinweg vermag ihr kein Arzt in ganz Wien und Umgebung zu helfen.

chließlich landet die 18-Jährige bei Dr. Freud in der Berggasse 19. „Dora“ gilt als Sigmund Freuds bekannteste Patientin. Der Begründer der Psychoanalyse schildert ihren Fall in seiner Schrift „Bruchstück einer Hysterie“. Darin kommt er unter anderem zu dem Schluss, dass das Leiden der jungen Frau eine Folge unterdrückter sexueller Wünsche sei, auch inzestuöser. Eine Diagnose, die zu den Klassikern des freudschen Repertoires gehört. „Ob Schachtel oder Schüssel, alles wurde ihm zum Genital“, erinnert sich Ida Bauer.

Über 150 Jahre später erhält „Dora“ nun erstmals eine Stimme: Katharina Adler erzählt in ihrem Debütroman die bewegende Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter Ida Bauer, verheiratete Adler. Die Urenkelin zeichnet das Gegenbild zur „abscheulichen Hysterikerin“, von der Freud so sicher war, dass er sie hätte heilen können. Hätte, ja hätte sie die Behandlung nur nicht nach elf Wochen eigenmächtig abgebrochen. Begründung: Seine Methoden überzeugten sie nicht. Für Freud der wichtigste Impuls für sein Modell der Übertragung. Amerikanische Feministinnen erklärten Ida Bauer Jahre später zur Heldin, weil sie sich getraut hatte, dem älteren Mann die Stirn zu bieten.

Geboren wird Ida Bauer 1882 in Wien. Ihr Vater ist ein wohlhabender Industrieller, dem die Tochter ein Leben lang mehr verbunden ist als der Mutter. Am stärksten aber ist das Band zu ihrem Bruder Otto, dem späteren Begründer des Austromarxismus. Beide Eltern kränkeln. Beim Vater gibt es klare Hinweise auf Syphilis. Die Mutter pflegt ihre zahlreichen Neurosen, etwa ihren Putzfimmel, auf Kosten der Tochter.

Eine zentrale Rolle im Leben der Familie Bauer spielt die Freundschaft zum Ehepaar Hans und Pepina Zelenka. Mit Pepina hat der Vater jahrelang eine Affäre, während Hans unter anderem der minderjährigen Ida nachsteigt. Ein klarer Fall von sexueller Belästigung, den Freud allerdings nicht sah.

Auch der seelische Missbrauch durch Vater und Mutter scheint an ihm vorbeigegangen zu sein. Insofern tritt Katharina Adler nicht nur als Erzählerin, sondern auch als Verteidigerin ihrer Urgroßmutter an, der endlich Gerechtigkeit widerfahren soll. Entsprechend tief hat die Autorin (Jahrgang 1980) im Familienarchiv gegraben und auch in Freuds Aufzeichnungen nachgeforscht.

Trotzdem ist „Ida“ bewusst nicht als Biografie angelegt. „Der Roman ist ein fiktionales Werk, unterfüttert mit Recherche, eine Mischung aus Fundstücken und Imagination“, schrieb Adler in einem Beitrag für das „Zeit-Magazin“. „Diese Mischung hat vieles geklärt: Ich meine jetzt zu wissen, woher Idas Härte und Unnachgiebigkeit kamen, aber auch ihre humorvolle Seite.“

Katharina Adler gelingt es, den Leser an die Geschichte zu fesseln. Gekonnt vermittelt sie zudem die sehr spezielle, dekadente Atmosphäre des Wiens im Übergang von der Jahrhundertwende in die Moderne und die politische Aufbruchsstimmung nach dem ersten Weltkrieg.

Ein wenig zäh und eine Spur zu ausführlich gerät allerdings der Teil über die Flucht des Bruders Otto Bauer aus Wien. Vielleicht, weil es dazu viele historisch belegte Quellen gibt und die Autorin ihrer Fantasie weniger Lauf lassen konnte. Bauer war von 1918 bis 1919 Außenminister der Republik Österreich und von 1918 bis 1934 Vize-Parteichef der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Noch eine schillernde Persönlichkeit unter Katharina Adlers Vorfahren.

(chm)
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