Roman "Frau im Dunkeln" thematisiert Zerissenheit einer Mutter

Widersprüchliche Gefühle : „Frau im Dunkeln“ thematisiert die Zerissenheit einer Mutter

Mit „Frau im Dunkeln“ thematisiert Elena Ferrante die widersprüchlichen Gefühle im Verhältnis zu den eigenen Kindern. Es ist ein eindringlicher Roman der italienischen Schriftstellerin.

Der Anfang dieses Romans ist das Ende, das verstörende Ende eines Sommerurlaubs am Meer. Mit ihrem Auto ist Leda auf dem Weg zurück nach Florenz, als sie die Besinnung verliert und erst im Krankenhaus wieder zu sich kommt. „Die Ärzte teilten mir mit, dass ich mit dem Auto gegen die Leitplanke gefahren war, aber keine schweren Verletzungen davongetragen hatte. Die einzige sichtbare Folge war eine Stichwunde links unterhalb der Rippen.“

Es ist kein neues Werk, das Elena Ferrante mit „Frau im Dunkeln“ präsentiert, sondern die Neuauflage eines Romans aus dem Jahr 2006, in dem die geheimnisvolle italienische Schriftstellerin die Themen ihrer „Neapolitanischen Saga“ verdichtet. Ihr vierteiliger Romanzyklus war ein Welterfolg; in 40 Sprachen wurde die Lebensgeschichte zweier aus einem ärmlichen Viertel Neapels stammenden Freundinnen übersetzt.

Ferrante ist auf dem Boden geblieben, oder besser gesagt: in der Anonymität. Man kann darüber spekulieren, ob ihre Abkehr vom Literaturbetrieb eine Form des Selbstschutzes ist oder nur eine ausgeklügelte Marketingstrategie. Sicher ist, dass Ferrante als Schriftstellerin ohne Identität der Gesellschaft ungestraft einen Spiegel vorhalten kann; einer Gesellschaft, die sich zwar war in den Sozialen Netzwerken exhibitionistisch präsentiert, gleichzeitig aber festen Konventionen folgt. „Frau im Dunkeln“ ist dafür ein meisterliches Beispiel.

Eine heile Mutter-Kind-Beziehung

Doch beginnen wir am Anfang, mit dem Urlaub der 48-jährigen erfolgreichen Hochschullehrerin Leda in einem süditalienischen Küstenort. Die geschiedene, zweifache Mutter sehnt sich nach Ruhe, Büchern und Sonne. Am Strand erregt indes eine lärmende neapolitanische Großfamilie ihre Aufmerksamkeit; besonders eine junge Mutter und deren dreijährige Tochter haben es ihr angetan. Die Ich-Erzählerin beschreibt, was sie sieht, ein Postkartenidyll, überladen von den Klischees einer heilen Mutter-Kind-Beziehung.

„Die junge Frau war schön, doch erst ihr Muttersein machte sie zu etwas Besonderem, sie schien nur ihre Tochter im Sinn zu haben“, resümiert Leda. Mit jedem Tag, den Leda die beiden beobachtet, ist sie jedoch mehr genervt von der Innigkeit der Beziehung. Irgendwann schlägt ihre Stimmung um, und sie stiehlt die Puppe des Mädchens. Selbst als sie erlebt, wie untröstlich das Kind über den Verlust ist und die Familie in helle Aufregung versetzt, denkt Leda nicht daran, das Spielzeug zurückzugeben.

Elena Ferrante: „Frau im Dunkeln“ , 188 Seiten, 22 Euro ,Su hrkamp . Foto: suhrkamp

Elena Ferrantes ist dafür bekannt, dass sie in ihren Romanen die Welt prononciert weiblich beschreibt. Unter der grellen Sonne analysiert die Autorin scharfsinnig soziologisch, was meistens im Verborgenen bleibt: in diesem Fall die Zerrissenheit einer Frau zwischen Muttersein und Karrierefrau, zwischen Aufopferung und Selbstverwirklichung.

Nach und nach offenbart Leda ihr Geheimnis. Der jungen Mutter erzählt sie, dass sie einst ihre beiden sechs und vier Jahre alten Töchter verlassen hat – „ich habe sie sitzenlassen“. Warum? Um als Dozentin der Anglistik Karriere an der Uni zu machen, aus „Eigenliebe“ und letztlich auch aus purer Überforderung. Manchmal, so sinniert die Ich-Erzählerin, „muss man fliehen, wenn man nicht sterben will“.

An die Grenzen stoßen

Noch neun Jahre vor der weltweiten Debatte um „Regretting Motherhood“ (was auf Deutsch so viel bedeutet wie: Bedauern der Mutterschaft) hat Ferrante in ihrem Roman ausgelotet, wie sehr das Muttersein eine Frau an ihre Grenzen bringen, das eigene Sein auslöschen kann. „Arbeiten konnte ich nicht mehr, ich spielte ohne Freude, mein Körper fühlte sich leblos an, ohne jedes Begehren.“

Ein Tabu-Thema, das erst kontrovers diskutiert und unter dem Hashtag #regrettingmotherhood als Aufschrei durch die Medien ging, nachdem die israelische Soziologin Orna Donath im Jahr 2015 eine Studie publiziert hatte, für die sie mit 23 Frauen Interviews führt und offen über die Ablehnung der Mutterrolle debattiert. Kinder sind das größte Glück – ein Leitsatz, der tief in den gesellschaftlichen Strukturen verankert ist, den Elena Ferrante seziert.

Ferrante beziehungsweise Leda ist keine verlässliche Erzählerin. Sie springt zwischen den Geschehnissen im Urlaub und Ledas Vergangenheit hin und her, wobei der große innere Zwiespalt der Ich-Erzählerin mit jeder Seite offensichtlicher wird. Schonungslos analysiert sie die schwierige Beziehung zu ihrem Mann Gianni, die Liebe zu ihm, die nach der Geburt der Kinder Stück für Stück erlischt.

In der Rückschau schmerzt es Leda, ihre Töchter in der Obhut des Vaters gelassen zu haben. „Die beiden Mädchen wurden langsam in dem finsteren Brunnen versinken, aus dem ich herausgekrochen war. Würden all die Manieren, Ausdrücke, Wesenszüge annehmen, die ich abgeschüttelt hatte“, rekapituliert Leda. Ferrante stellt die unausgesprochene Frage, welche Gefühle einer Mutter angemessen sind.

Die Antwort scheint Nina, die junge Mutter, die Leda am Strand beobachtet, geben zu können. Doch der Leser macht die Erfahrung, dass sich auch hinter dem offensichtlichen Familienidyll Dramen abspielen. Bis zum großen Finale.