Roman „Ein Winter in Paris“ von Jean-Phlippe Blondel

„Ein Winter in Paris“ : Roman erzählt von den Schatten der Vergangenheit

Die Geschichte spielt zwar in den 1980er Jahren, spiegelt jedoch auch die heutige Zeit sehr realistisch: Ein junger Mann aus der Provinz verlässt diese für sein Studium, doch im fernen Paris fühlt sich Victor verloren und unsichtbar.

Der Druck des elitären Bildungssystems lastet schwer auf ihm, der Außenseiter vom Land findet keinen Anschluss an seine Kommilitonen, die eigene Familie ist „zu weit weg von der Welt, in der er sich bewegt“.

Victors nahezu einziger sozialer Kontakt: Die regelmäßige Zigarettenpause mit dem jüngeren Kommilitonen Mathieu. Doch dieser wiederum fühlt sich noch entwurzelter, noch verlorener im Leben – und beendet dieses gleich zu Beginn des Romans, als er sich im Treppenhaus der Universität in den Tod stürzt.

Mit „Ein Winter in Paris“ schafft es der Autor nach diesem dramatischen Einstieg, eine ganze Gefühlswelt auf nur 189 Seiten offenzulegen. Ungeschönt und in grausamer Sachlichkeit schildert Blondel Schock, Verlust und die Suche nach neuem Halt, auf die Victor sich nach dem Tod Mathieus begibt. In diesem Kontext thematisiert der Roman wunderbar anschaulich die Wirrungen des Erwachsenwerdens in den 80er Jahren, die Zerrissenheit zwischen der eigenen Identität und dem tiefen Verlangen danach, sich abzugrenzen.

Blondel beschreibt dabei in sprachlicher Brillanz die Suche nach dem eigenen Platz im Leben und die bittere Wahrheit, dass manch einer diesen nicht zu finden vermag. Wer aufmerksam liest, findet etwa literarische Anspielungen auf George Orwells dystopischen Roman „1984“. Zugleich ist Blondels Roman harsche Kritik am elitären französischen Bildungssystem und am grundsätzlichen Konkurrenzdenken der modernen Leistungsgesellschaft, an dem im Verlauf des Romans auch der tragische Tod Mathieus rein gar nichts ändert.

Am Ende bleibt der Leser ernüchtert zurück; es gibt keine unerwartete Pointe, keinen finalen Erkenntnisgewinn, kein wirkliches Happy End. Lediglich die ernüchternde Feststellung: „Und doch lebt dieser Winter von damals in mir fort.“ Denn: Nicht jeden Schatten der Vergangenheit kann man mit der Zeit erfolgreich vertreiben.

(nile)