Roman „Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood

„Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood : Nach 34 Jahren geht es zurück nach Gilead

Ein Staat, in der Frauen keinerlei Rechte haben, noch nicht einmal einen eigenen Namen. Gilead hat Margaret Atwood 1985 in ihrem Erfolgsroman „Der Report der Magd“ diesen Staat genannt und als Nachfolger der USA beschrieben.

Hier erlebte die junge Desfred ein Martyrium, denn als sogenannte Magd ist ihre einzige Aufgabe, sich vom Hausherrn schwängern zu lassen. Mehrere Millionen Exemplare des Buchs wurden weltweit verkauft. Was wurde aus Desfred? Der als Tagebuch der jungen Frau gestaltete Roman endet mitten in einem Fluchtversuch.

Nach 34 Jahren hat Atwood nun mit „Die Zeuginnen“ einen neuen Roman veröffentlicht, der in Gilead spielt. Internationale Aufmerksamkeit war ihr sicher, ebenso eine hohe Erstauflage.Um es gleich zu sagen: „Die Zeuginnen“ ist keine Fortsetzung und spielt etwa 15 Jahre nach den Ereignissen des ersten; Desfred taucht nur einmal ganz kurz auf. „Totalitäre Staaten können von innen heraus anfangen zu bröckeln“, schreibt Atwood, „wenn sie die Versprechen, die sie an die Macht gebracht haben, nicht halten. Oder sie werden von außen angegriffen. Oder beides.“

Gesellschaft der Angst

Der Roman beschreibt, wie Fanatiker die USA in einen fundamentalistischen Staat verwandeln, der an die Puritaner des 17. und 18. Jahrhunderts erinnert, aber auch Elemente moderner Gottesstaaten aufgreift. Dabei werden Zwang und Gewalt wichtige Faktoren, aber auch Duckmäusertum und Anpassungsbereitschaft. Drei sehr unterschiedliche Frauen erzählen ihre Lebensgeschichten. Aus diesen Aussagen von Zeitzeuginnen ergibt sich dann ein zusammengesetztes Bild des Lebens in und des Scheiterns von Gilead. Zwei von ihnen sind junge Mädchen. Agnes wächst als Tochter eines Funktionärs in Gilead auf, Daisy in Kanada bei einem Ehepaar, das sich im Widerstand gegen Gilead engagiert.

Die wichtigste Stimme jedoch gehört Lydia. Anfangs eine liberale Richterin, wird sie von den neuen extremistischen Machthabern durch Gewalt dazu gebracht, zu einer radikalen Vertreterin des Regimes zu werden, die die Umsetzung der Ideen des Regimes erzwingt, indem sie gnadenlos dem Geheimdienst zuarbeitet.

Atwood entwickelt eine ganze Reihe von Handlungssträngen. Der wichtigste von diesen ist der Auftrag des Geheimdienstes an Lydia, dass sie herausfinden soll, ob es innerhalb der Machtelite Unterstützer für das geheime Netzwerk gibt, das Gilead-Bürgern die Flucht nach Kanada ermöglicht. Mit den drei weitgehend unabhängig voneinander erzählten Erlebnisberichten zeichnet Atwood das komplexe Bild einer von Angst und Unterdrückung beherrschten Gesellschaft. Aber sie erzählt keine Fantasiegeschichte, sondern hat gesagt, dass „in dem Buch nichts steht, das nicht schon einmal irgendwo irgendwann passiert wäre“.

Auch wenn „Die Zeuginnen“ vermutlich nicht die Art von Fortsetzung des „Reports der Magd“ ist, auf die viele Fans gehofft hatten, hat er doch sein eigenständiges Format.

(knö)
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