Roman „Blumenspiel“ von Hajo Steinert

Roman „Blumenspiel“ : Lärm und Betriebsamkeit im Jahre 1908 in Köln

1908 hat Köln bereits mehr als 450.000 Einwohner und ist technisch voll auf der Höhe der Zeit. All der Lärm und die Betriebsamkeit erschrecken den 19-jährigen Kunstschmied Heinrich Karthaus zutiefst.

„Ein Zweispänner rasselte an ihm vorbei, ein Automobil röhrte über das Pflaster, ein Kutscher ließ seine Peitsche knallen, eine Straßenbahn quietschte um die Kurve, kam direkt auf ihn zu, an der Oberleitung sprühten die Funken. Er duckte sich, hielt sich die Ohren zu und lief weg.“

Karthaus, aus dem bergischen Engelskirchen eingewandert, um der dörflichen Enge seiner Heimat zu entfliehen und in der Rheinmetropole sein Glück zu machen, ist einer der Helden in Hajo Steinerts Roman „Blumenspiel“.

Seite an Seite mit Heinrich und seiner angebeteten Hedwig, einer Näherin mit Hang zu Höherem, ist man dabei, wenn der „Deutsche Lärmschutzverband“ im Brauhaus „Früh“ seine Versammlungen abhält oder die „Literarische Gesellschaft Köln“ dem Geist des Jugendstils verpflichtete „Blumenspiele“ im Gürzenich veranstaltet. Sich mittendrin in solchen Veranstaltungen an bis heute markanten Orten wiederzufinden, macht nicht nur Kölnern Spaß. Zumal der Autor bei seinen Schilderungen auch eine feine Ironie an den Tag legt.

Der allzu naive Heinrich und die teils impulsiv, teils berechnend agierende Hedwig sind glaubwürdige Figuren, weil man nicht alles an ihnen mag oder ihr Verhalten missbilligt. Der zweite Teil, in dem das Paar auf den Monté Veritá in Oberitalien reist, fällt dagegen ab.

In der Kolonie bei Ascona, wo Künstler und gut betuchte Bürger frei und im Einklang mit der Natur leben wollen, verfällt Steinert dem „Promi-Gosssip“. Lässt Hermann Hesse, Käthe Kruse oder die berühmt-berüchtigte Franziska Gräfin Reventlow auftauchen, erzählt Skandale und Skandälchen. Heinrich, Hedwig und beider Selbstverwirklichungspläne als Künstler und Künstlerin geraten ins Hintertreffen.

Der Schluss, der zurück in die Domstadt führt, kommt allzu abrupt daher. Als lebenspraller Bilderbogen aus dem alten Köln mit seiner gelungenen „Nachkolorierung“ ist Hajo Steinerts Buch aber durchaus empfehlenswert.

(sus)
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