Roman „Blinde Liebe“ von William Boyd

Roman „Blinde Liebe“ : 500 Seiten vergehen wie im Flug

Wie im Flug vergehen die 500 Seiten von William Boyds neuem Roman, bis es beim Zuklappen im Erinnerungsgebälk knirscht: Wann hat man zuletzt ein so kristallklar sprudelndes Lesevergnügen serviert bekommen?

Literarisch auf hohem Niveau, spannend, bewegend und federleicht zugleich erzählt der schottische Autor von der Liebe zwischen dem Klavierstimmer Brodie Moncur und der Sängerin Lika Blum an der Nahtstelle zwischen 19. und 20. Jahrhundert. Diese auch geografisch gewaltige Lesereise führt in den Jahren 1894 bis 1906 aus dem Dörfchen Liethen Manor im südlichen Schottland über Edinburgh, Paris, St. Petersburg, Nizza bis auf eine Insel namens Andamanen mitten im Indischen Ozean.

Boyd stellt Zitate des „Schatzinsel“-Autors Robert Louis Stevenson und des russischen Erzählgenies Anton Tschechow voran. Stevenson nennt Verliebtheit das „einzige unlogische Abenteuer“ im Leben mit ungeheuerlicher Wirkung.

Tschechow will sein letztes Theaterstück schreiben über vielleicht unerwiderte oder von Untreue begleitete Liebe, die im Liebenden unvermindert weiterlebt, wenn er am Ende einsam eingeschlossen im arktischen Packeis an einer Schiffsreling steht: Die geliebte Frau glaubt er als Schatten vor den Nordlichtern zu erblicken.
Auch den sympathischen, überall als Könner gefragten Klavierstimmer Brodie Moncur führt seine Liebe zu der musikalisch weit weniger begabten, als Charakter aber mindestens genauso interessanten, schwer ergründlichen Sängerin Lika Blum auf eine unendlich lange Reise. Boyd entfaltet die Geschichte seiner Hauptfigur im Stil klassischer Literatur aus dem 19. Jahrhundert.

Der junge Brodie ist aus der schottischen Provinz vor seinem als Tyrann verhassten Vater nach Edinburgh geflohen. Sein herausragendes Können als Klavierstimmer bringt ihm einen attraktiven Job in Paris ein, wo er mit „sozialer Kompetenz“, wie man das heute nennen würde, den irischen Starpianisten John Kilbarron als Werbeträger für den Klavierverkauf an Land ziehen kann.

Zur Entourage des großen Musikers gehört neben einem als Manager höchst robust agierenden Bruder namens Malachi auch die Russin Lika als Geliebte.

Sie erwidert Brodies schnell und stürmisch entfachte Liebe, will aber weiter bei Kilbarron bleiben. Die auch im Bett leidenschaftliche Affäre führt dann doch zur gemeinsamen Flucht des Paares vor dem gehörnten Pianistenstar und dessen fast noch rachsüchtigeren Bruder von Stadt zu Stadt durch ganz Europa. Brodie muss sich in Likas russischer Heimat einem von Boyd brillant als unfreiwillig komisch und hochdramatisch zugleich in Szene gesetzten Duell mit dem irischen Kilbarron stellen.

Boyd präsentiert Charaktere, Schauplätze und die manchmal komplett überraschende, aber immer glaubwürdige Handlung mit fast perfekter handwerklicher Sicherheit, sprachlich elegant und dabei nie aufdringlich. Diese Perfektion ist auch Schwäche zugleich. Was „Blinde Liebe“ fehlt, ist irgendwann auch mal der vielleicht wahnsinnige Schritt über den Abgrund ins unbekannte Nichts, der ganz große Widerhaken, der eine Geschichte unvergesslich macht. Aber sei es drum.

Das Versprechen von Lesevergnügen für unsere Tage mit Tschechow und Stevenson als Leitsternen hält jede dieser 500 Seiten locker ein.

(thob)
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