Der neue Roman von Sibylle Berg: Ob es so kommt? Wir sind nah dran.

Der neue Roman von Sibylle Berg : Ob es so kommt? Wir sind nah dran.

Sibylle Berg malt in ihrem neuen Roman „GRM“ ein katastrophales Zukunftsszenario. Dieses Buch macht zwar wenig Hoffnung, doch genau deshalb könnte es viele wachrütteln.

Seit der „Ibiza-Affäre“ wissen wir, dass Amateurvideos binnen weniger Stunden politische Karrieren zerstören können. Dass Aufnahmen mit versteckten Kameras nicht rechtens sind, steht außer Frage. Niemand darf in privaten Räumen ohne seine Erlaubnis gefilmt werden, es sei denn, es gibt den begründeten Verdacht einer Straftat und eine entsprechende richterliche Anordnung. Erst recht nicht dürfen die unerlaubten Aufnahmen veröffentlicht werden.

Letzteres ist im Falle des ehemaligen österreichischen Außenministers Hans-Christian Strache (ÖVP) geschehen, was zwar das wahre Gesicht eines Rechtspopulisten zum Vorschein brachte, gleichwohl aber die Frage aufwirft, was dieser Fall für den Umgang mit sensiblem Videomaterial für die Zukunft bedeutet? Brechen demnächst alle Dämme? Heiligt der Zweck bald immer die Mittel? War das nur der Anfang von etwas, das irgendwann nicht mehr zu kontrollieren sein wird?
Kameras tatsächlich überall
Sibylle Berg hat diese Frage in ihrem neuen Roman „GRM“ sehr eindeutig beantwortet. In dem erschreckenden Zukunftsszenario, das sie entwirft, wird der Einsatz von Kameras – ob versteckt oder sichtbar – nicht mehr kontrovers diskutiert. Kameras sind überall, auf privaten oder öffentlichen Toiletten, in den Schlafzimmern, in den Büros. Was sie zeigen, darüber regt sich im Zweifel niemand mehr auf. Die Menschen, die in dieser apokalyptischen Welt leben, sind Täter und Opfer zugleich, sie filmen und werden gefilmt. Wer sich strafbar macht oder auch sonst schlecht benimmt, dem werden Sozialpunkte abgezogen. Weniger Punkte bedeuten schlechtere Versicherung, geringeres Grundeinkommen, kaum Essen. Wer andere filmt, wie sie Straftaten begehen oder sich schlecht benehmen, kann sein Punktekonto aufbessern.

Das Buch beschreibt eine perfide Leistungsgesellschaft; jeder ist sich selbst der nächste. Es ist die Blütezeit des Denunziantentums; die Welt ist zu einem billigen Blockbuster in Endlosschleife verkommen. Jeder muss hier seine Rolle spielen. Sex, Gewalt, Lüge, Intrige, Korruption, Rassismus, Neid – das ist der Sprengstoff, der das Videokamera-Leben der Protagonisten befeuert. Für menschliche Gefühle bleibt kaum noch Raum. Menschlichkeit hat hier keinen Platz. Jeder noch so zarte Anflug einer humanen Regung fällt dem gnadenlosen Schnitt zum Opfer.

Sibylle Berg ist bekannt dafür, nie ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Fast möchte man meinen, mit diesen 634 Seiten wolle sie dies noch einmal ausdrücklich unterstreichen. Doch nicht die krasse Wortwahl oder die detaillierte Beschreibung von Sex- oder Gewaltszenen sind das schockierende an diesem Buch, sondern seine gnadenlose Hoffnungslosigkeit. Diesen Roman düster zu nennen, wäre eine unlautere Verniedlichung. Gegen das, was Sibylle Berg hier serviert, nimmt sich manches von dem, was Michel Houellebecq schreibt, wie eine nette Vorabendserie aus. Sibylle Berg ist krass, sehr krass.

Während man vier Jugendlichen auf ihrem kaputten Lebensweg durch den kaputten Vorort Rochdale in einem ziemlich kaputten britischen Königreich folgt (in zweiten Teil spielt der Roman im ebenfalls kaputten London), fragt man sicher immer wieder, wie weit dieses Buch überhaupt in der Zukunft spielt. Sind es zehn, 20 oder doch 50 Jahre. Tatsache ist, dass 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen den lieben lang Tag nichts anderes tun, als auf ihre Endgeräte zu starren. Und die restlichen zehn Prozent? Starren den 90 Prozent über die Schulter, weil sie sich selbst kein Endgerät leisten können. Natürlich übertreibt Sibylle Berg. Doch man wird beim Lesen den Eindruck nie los, dass wir allzu weit gar nicht entfernt sind von einem solchen Leben.
Nur Daten und Maschinen
Warum das Buch „GRM“ heißt, wird natürlich aufgelöst, die Abkürzung steht für die Musikrichtung Grime. Wer jedoch glaubt, der Roman beschäftige sich intensiv mit dem Thema Musik, der wird enttäuscht. Die Inhaltsangabe auf dem Buch ist hier irreführend. Möglicherweise aus Marketing-Erwägungen.

Wenn die Welt tatsächlich so sein wird, wie Sibylle Berg sie beschreibt, dann gute Nacht. Dann müsste man sich die Frage stellen, ob man in einer solchen Welt leben möchte. Natürlich möchte das niemand. Es sei denn, man hat seinen Menschenverstand bereits komplett beiseite gelegt und sein Herz ins Gefrierfach verpackt.

Vielleicht ist es noch nicht zu spät, vielleicht kann man seinen Teil dazu beitragen, dass die Zukunft ein bisschen rosiger ausschaut. Am Anfang steht bekanntlich immer die Erkenntnis. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn diesen Roman möglichst viele Menschen lesen würden. Man muss Sibylle Berg dankbar sein für dieses schrecklich-grandiose Buch, das ein Augenöffner sein kann. Vor allem für die, die das Heil der Welt nur noch in Daten und Maschinen vermuten. Was wäre das für eine Welt, in der wir alles nur noch errechnen und berechnen könnten?

Wer aber kann heute schon sagen, wie es in zehn, 20 oder 50 Jahren aussehen wird? Hoffentlich nicht so wie in diesem Roman.

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