Zum 30. Todestag von Georges Simenon: Maigret und die Unsterblichkeit

Zum 30. Todestag von Georges Simenon : Maigret und die Unsterblichkeit

Am 4. September 1989 starb Georges Simenon, einer der meistgelesenen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, Erfinder des Kommissars Maigret. Zu seinem 30. Todestag traf unser Autor seinen Sohn in Lüttich.

Diese Stadt hat viele Attribute: ehemalige Stadt der tausend Feuer, Stadt der versteckten Ecken, Stadt für den zweiten Blick. Nach dem Ende des Feuerbooms – Stahl und Kohle – war Lüttich heruntergekommen. Seit einigen Jahren blüht die Stadt wieder auf, als Auslöser für den Weg in die Moderne gilt optisch und wirtschaftlich der wundervolle Bahnhof von Santiago Calatrava. Was Liége – wie die Stadt in der Landessprache heißt – war, ist und sein wird: die Stadt von Georges Simenon, dem großen Schriftsteller, der hier 1903 geboren wurde, an einem Freitag den 13.

Wir treffen heute seinen Sohn John, einen sehr vitalen Filmproduzenten von 69 Jahren, schicke Sonnenbrille und schwarze Basecap, zugewandt, überaus freundlich. Er lebt bei Lausanne, wo auch die elterliche Familie Simenon sich 1957 niedergelassen hatte und der Vater vor 30 Jahren starb, am 4. September 1989.

Simenons Sohn und die Fragen:

Die häufigste Frage anderer sei wohl, wie der Papa privat so gewesen sei, sagt John. Nervt das nicht? „Nein, ich spreche sehr gern über ihn. Wir hatten immer ein tolles Verhältnis, er war ein verlässlicher Vater. Und es ist nie alles gesagt.“ Manchmal lernt auch John noch etwas über die Familie. Unterwegs erzählt Fremdenführerin Helene von Opa Simenon, der die für Lüttich typischen hängenden Marienkapellchen an Hauswänden gepflegt hat. „Oh“, sagt John, „das wusste ich gar nicht“.

Simenon und der Luxus von Lausanne:

Georges Simenon hat an die 500 Millionen Bücher in 60 Sprachen verkauft. Er hat immer ein sehr öffentliches Leben geführt. Bereitwillig gab er auch Boulevardmedien lange Interviews. Das gab viele Geschichten, was auch ohne „Asoziale“ Netzwerke zu manch zwiespältiger Nachrede führte: über Luxus, Jet-Set-Leben, Eitelkeiten und zwei zum Ende hin jeweils höchst chaotische Ehen. Bald galt Salonlöwe Simenon als Frauenheld, wie man Womanizer damals nannte. Auf dem Genfer Autosalon sah er einen Rolls Royce und kaufte ihn von der Stelle weg.

Der Sohn von Georges Simenon, John, sitzt neben einem Denkmal seines Vaters in Lüttich. Foto: Bernd Müllender

Aber man weiß auch: Immer bekamen die Angestellten im 30-Zimmer-Schloss nahe Lausanne das gleiche Essen wie die Herrschaften. Und wenn Georges eine besonders gute Flasche Rotwein öffnete, gab es den gleichen Tropfen auch für die Bediensteten. Und wahrlich nicht nur tropfenweise. Und wenn ein junger Schriftsteller brieflich um Rat fragte, erzählt John, „hat mein Vater immer geantwortet: Lieber Kollege ...“. Ein Adelsschlag.

Den Literatur-Nobelpreis hat Simenon nie bekommen. Das hat ihn gewurmt, wie viele andere Leerausgegangene. Weil die Nazis ihn nach der Besetzung Belgiens und Frankreichs 1940 nicht verboten haben und sogar Werke verfilmten, stand er nach 1945 unter Kollaborationsverdacht. Ein Grund, bald in die USA zu gehen. In Kanada traf er die junge Denise, die er einen Tag nach der Scheidung von Tigy, Ehefrau I, heiratete und bald „genauso liebte wie hasste“.

Maigret und das Celluloid:

John Lieblingsbuch ist „Der Schnee war schmutzig“, den habe er „bestimmt fünf Mal gelesen“. Favorit bei den Krimis: „Maigret und der Treidler der Providence“. Für Erstleser sei „‚Maigret und die junge Tote’ ein richtig guter Start“. Dieses Buch wird gerade in Paris neuverfilmt und soll 2020 in die Kinos kommen, mit Gerard Depardieu als Kommissar Maigret. Depardieu als Beamter – wie wagt man sich das vorzustellen?

Verfilmt wurden Simenon-Krimis seit 1932, als Maigret traten auf: Rupert Davies, Charles Laughton, vor allem Jean Gabin, einmal sogar Heinz Rühmann, zuletzt Mr. Bean, Rowan Atkinson.

Simenon und die Sprache:

Der Tatort Wort bei Simenon ist überschaubar. Manchmal reichten ihm 2500 Vokabeln für einen Maigret-Fall. Kein Wortgeschwurbel, immer einfache knackige Sätze. Sie haben eine noch nicht endgültig dechiffrierte Magie, die Leser immer weiter treibt, mit einer Macht, die in allen Sprachen funktioniert. „Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig“, lobpreiste einmal der kolumbianische Schriftsteller Álvaro Mutis, ein großer Simenon-Verehrer wie so viele andere, etwa Gabriel Garcia Marquez, Walter Benjamin, Winston Churchill, Wiglaf Droste.

Simenon und die Seelenkunde:

Simenon konstruierte seine Fälle immer wie ein psychiatrisch geschulter Seelendurchschauer. Immer wollte er den Hintergrund sezieren, wollte ergründen, was Täter zur Tat getrieben hat – das war revolutionär für seine Zeit. Er habe sich tatsächlich früh für Neurologie interessiert, weiß John. Alles Drama hätte immer in der Nachbarschaft der Leser passieren können. Das gab einen Extrakick und Zusatzgrusel.

Simenon und die Fastschönheit:

Die Maigret-Krimis wurden von Menschen aller Bildungsgrade gelesen. Simenon, selbst in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, wusste sich mit Würde bei Jedermann einzufühlen: „Die Armen sind es gewohnt, ihrer Verzweiflung Einhalt zu gebieten, denn auf sie warten das Leben, die Arbeit, die täglichen, ja stündlichen Erfordernisse. Mit einem Taschentuch wischte die Frau sich die Tränen ab. Ohne die rote Nase wäre sie nahezu schön gewesen.“ Es sind dies einige Zeilen aus: „Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien“.

Die meisten Maigrets spielen in Paris. Aber Lüttich ist oft indirekt dabei, etwa in „Maigret und die Aussage des Ministranten“ – das spielt zwar in der französischen Provinz, fußt aber auf Simenons eigener Zeit als helfender Kirchenknirps. Mit 16 hatte der Volontär Simenon seine ersten Polizeireportagen für die „Gazette de Liège“ geschrieben. Zur gleichen Zeit gehörte er zu einer anarchistischen Künstlergruppe, die in der Spelunke La Caque (das Heringsfass) nicht nur der Droge Alkohol zusprach. Einer der jungen Drogenexperimentalisten baumelte eines Morgens am Portal der Kirche Saint-Pholien im Arbeiterviertel Outremeuse: Selbstmord, befand die Polizei. „Mein Vater“, sagt John, als wir am Kirchenportal stehen, „war immer überzeugt, dass das keine Selbsttötung war“. Im Krimi ist dieser Verdacht verarbeitet, der zweite Maigret-Fall, geschrieben 1930.

Simenon und die Arbeit:

Simenons Werk umfasst 75 Maigret-Fälle und rund 300 andere Erzählungen und Romane, dazu in seinen Anfangsjahren Berge an Trivialliteratur. Er schrieb und schrieb. Aber er tat dies nur an weniger als hundert Tagen im Jahr, erzählt John. Ein Meister der Zeitaufteilung. Ein Krimi war, bis auf spätere Feinarbeit, oft in einer Woche geschrieben.

John berichtet, sein Vater habe überall im Haus „Nicht stören“-Schilder angebracht, „dann hat er sich komplett zurückgezogen“. Aus dem Image vom fast manischen Schnellschreiber entstand die Legende mit Alfred Hitchcock. Dieser habe eines Tages bei den Simenons angerufen, er wolle einen Fall verfilmen. Die Gattin sagte, ihr Mann habe gerade ein neues Buch angefangen, er dürfe nicht gestört werden. „Ach, das macht nichts“, habe Hitchcock erwidert, „dann bleibe ich solange in der Leitung“. Ja, sagt John, „eine wunderbare Geschichte, aber sehr wahrscheinlich erfunden“. Mutter habe das nie erzählt, Hitchcock selbst auch nicht. Aber wer die Quelle der Anekdote sei, das habe er „auch nie herausbekommen“.

Maigret und das Geheimnis seines Namens:

Es gibt viele Theorien, warum der Pfeife rauchende Kommissar Maigret hieß, Jules Maigret. Der Fahrer des Lütticher Polizeikommissars war Simenons Undercover-Quelle für die ersten Kriminalberichte in der Gazette. Er hieß Guillaume Maigret. Ein Arnold Maigret war im Widerstand. Sein Name ist bis heute am Rathaus verewigt. John winkt ab: „Wahrscheinlich hat er sich den Namen erst in Paris ausgedacht.“ Dann setzt er sich für ein Foto auf die Bank neben seinen Denkmal-Vater in Stein, in Outremeuse, gegenüber von Papas Geburtshaus.

Simenon und der Vietnamkrieg:

John wurde 1949 in den USA geboren und hatte deshalb auch einen US-amerikanischen Pass. Kurz bevor er 18 wurde, hat Vater Simenon den Pass schnell zurückgegeben. „Die Gefahr war sehr groß, dass ich zur Army hätte gehen müssen. Vietnam war französischsprachig und ich bilingual, also sicher sehr begehrt. Eine Superentscheidung, für die ich meinem Vater sehr dankbar bin.“ Heute hat John den belgischen Pass und steht vor der Aufnahmeprüfung für die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Simenon und sein eigenes Erbe:

John Simenon, der nicht Pfeife raucht, ordnet seit Jahren den umfänglichen Nachlass seines Vaters. In Lausanne und in Lüttich, erzählt er, gibt es Bestände an Hochschulen, zugänglich für Historiker, auch Studierende. Was fehlt, sagt John, sei das große Simenon-Museum, für die Öffentlichkeit. Warum nicht naheliegend in Lüttich? Jahrelang habe es mal Verhandlungen gegeben, ohne Erfolg. Jetzt gebe es wieder Gespräche, ziemlich zäh alles. „Vielleicht kommt das Simenon-Zentrum auch nach Bologna“, sagt er überraschend, „da gibt es großes Interesse“. Bologna? „In Italien ist mein Vater nach Shakespeare der meistübersetzte Schriftsteller.“

Simenon und sein größter Irrtum:

60 Jahre lang hat er geschrieben und geschrieben und geschrieben. Nach dem letzten Buch ließ Georges Simenon die Berufsbezeichnung Romancier aus seinem Pass entfernen. Er war überzeugt, nach seinem Tod werde er bald nicht mehr gelesen. Es kämen ja immer neue Schriftsteller nach. Wenn George Simenon das wüsste: Bis Ende 2021 bringt der Kampa-Verlag sein komplettes Krimiwerk in Neuübersetzung heraus. Die ersten Bücher sind erschienen, etwa „Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien“, dazu neue Hörbücher im Audio-Verlag.

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