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„Der Erzähler“ Richard Flanagan: Losgelöst von der Realität

„Der Erzähler“ Richard Flanagan : Losgelöst von der Realität

Der Tasmanier Kif Kehlman ist Schriftsteller. Zumindest bezeichnet er selbst sich so. Seit Jahren arbeitet er an seinem Roman, nimmt aufgrund dessen keinen richtigen Job an und kommt folglich finanziell nur schwer über die Runden.

Für seine Familie zu sorgen, fällt ihm schwer, hat er doch immer sein großes Ziel, Schriftsteller zu werden, vor Augen. Doch was macht einen Schriftsteller aus, und welche Eigenschaften und Qualitäten muss ein Autor mitbringen, um erfolgreich zu werden? Eine mögliche Antwort darauf ist: „Ein Schriftsteller ist jemand, der gelesen wird.“

Getreu diesem Motto nimmt Kif einen Auftrag als Ghostwriter an. Seine Aufgabe ist es, das Leben des Wirtschaftskriminellen Siegfried ‚Ziggy‘ Heidl zu verschriftchen. Die Zusammenarbeit der beiden Männer verläuft jedoch schleppend, und Kif fragt sich zunehmend, ob die Arbeit als Ghostwriter zum Hindernis für seine gewünschte Karriere als Schriftsteller wird. Währenddessen verliert sich Heidl, der ein Freund von großen Geschichten ist und Fakten jeglicher Art ablehnt, immer mehr in seiner Fiktionalität: „Er widersprach seinen Lügen mit neuen Lügen, und später widersprach er dem Widerspruch.“ In klassischer Münchhausen-Tradition erfindet er sein Leben immer wieder neu und schreibt sich selbst die größte Bedeutung zu, während Kif versucht, der vermeintlichen Biographie einen roten Faden zu verleihen.

Richard Flanagan spricht in seinem Roman „Der Erzähler“ durch die Geschichte von Kif und Heidl einige große Fragen an. Fiktion und Realität werden vermischt, wodurch der Anspruch auf Wahrheit nahezu komplett verloren geht. Heidl erzählt so überzeugend und weiß, so treffend mit Kommunikation umzugehen, dass auch der Leser verwirrt wird und sich nie sicher sein kann, welche seiner Aussagen man nun glauben kann und welche nicht. Durch den bewussten Verzicht auf Anführungszeichen im Text wird dieser Effekt außerdem noch verstärkt und die komplette Erzählung von der Realität losgelöst. Denn Heidls einnehmender Charakter dringt nicht nur in Kifs Leben unwiederbringlich ein, sondern hinterlässt auch beim Leser ein Gefühl von Ratlosigkeit.

(lena)