Krimi „Allerseelenschlacht“ von Olaf Müller

Kriminalroman von Olaf Müller : „Allerseelenschlacht“ bewegt sich auf schmalem Grat

Olaf Müller bewegt sich mit seinem Kriminalroman „Allerseelenschlacht“ auf einem schmalen Grat. Es muss wirklich alles stimmen, denn zumindest seine Leserschaft in der Region kann genau prüfen, wie lange man etwa von Kreuzau nach Düren fährt oder wie das Ufer des Stausees in Obermaubach aussieht.

Mit seinem Buch wagt sich der in Düren geborene Autor an brisante historische Themen, die mit der bitteren deutschen Vergangenheit verwoben sind und in einer Gegenwart erstarkender rechtspopulistischer Tendenzen nichts an Aktualität verloren haben.

Es beginnt mit einem Mord. Kriminalkommissar Michael Fett lebt und arbeitet in Aachen. Sein Kollege ist Justus Schmelzer, verheiratet, Vater eines vierjährigen Sohnes. Fett flirtet gern, bewundert und respektiert kluge Kolleginnen, ist dann aber nicht besonders entschlussfreudig – jedenfalls bei der Partnersuche. Anders ist das im Polizeidienst. Da nimmt er mit viel Intuition Spuren auf und schafft zudem eine Vernetzung mit den Institutionen der Beneluxländer, die beispielhaft ist.

Sein neuer Fall führt ihn weit zurück in die Vergangenheit. Schmutzige Details kommen ans Tageslicht, und das Gestern mit Nazi-Terror, Krieg und Mord wird zur Gegenwart zwischen Aachen, Düren, Eupen, Maastricht und Reims. Bereits der Einstieg ist ein Signal. Hier geht es um Mord und mehr, wobei das zynische Verhalten dreier SS-Junker während des Zweiten Weltkriegs eine Rolle spielt.

Eupen, Düren, Maastricht

Ray Bell, ein amerikanischer Soldat, erlebte das Grauen der Ardennenoffensive, die Allerseelenschlacht im Hürtgenwald, im Schützengraben. Er beobachtete, wie sich zwei Kameraden, Eric und Gerald, zwei Mitgliedern der SS ergaben. Ein dritter Mann kam hinzu, Paul, und der hatte einen Flammenwerfer dabei. Johlend wurde die Waffe „ausprobiert“, die Ermordung der Kriegsgefangenen zum „kleinen Spaß“.

Heute ist Ray Bell 85 Jahre alt. Die Alpträume verfolgen ihn. Zusammen mit seinem Sohn William ist er von Washington nach Brüssel geflogen, um noch einmal die Gräber von Eric und Gerald in Henri-Chapelle, dem amerikanischen Militärfriedhof in der Nähe von Eupen, zu besuchen und am „Memorial Day“ als Ehrengast teilzunehmen. Müller streut Informationen ein zum Beispiel über diesen Friedhof, über historische Abläufe, über William, den CIA-Mann, der inzwischen Spezialist für Wehrmachtsverbrechen geworden ist. Die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart. „Er fand Paul Verhoven, so wie er viele gefunden hatte“, schreibt Müller. Paul, der 1944 den Flammenwerfer bediente, SS-Nachwuchs, ein Mann, der noch immer in Kreuzau bei Düren lebt – unbehelligt.

Geschickt und eiskalt hat Verhoven es sogar geschafft, nach dem Krieg als harmloser Mitläufer dazustehen. In Düren, das im Krieg vollständig zerstört wurde, witterte er eine Chance. Und damit öffnet Müller einen weiteren Aspekt, der später von entscheidender Bedeutung sein wird: „Kunst für den Führer“, das Rauben mit System, das Ausräumen der Museen, Kostbarkeiten, die man jüdischen Bürgern abpresste, bevor man sie ins Vernichtungslager verschleppte. „Raubkunst“ wird im Krimi zum subtilen Schlüsselbegriff für die Lösung eines komplizierten Falles sein. Ein Gemälde, von dem Müller erzählt, gibt es wirklich.

Der tote 86-jährige Verhoven im See ist nicht die letzte Leiche. Köstlich, wie Müller die Polizisten begleitet; das hat „Tatort“-Qualität. Erste Ermittlungen führen nach Maastricht. Ein weiterer Toter kommt bei Reims hinzu, Pierre Bonnet, Einschussloch in der Stirn.

Eine Geschichtsstunde

Und bald wird ein weiterer Name ins Spiel geworfen. Ton Keulers, ebenfalls tot. Von Profis gejagt. Was verbindet diese Männer? Das Unbehagen wächst. Was wird am „Memorial Day“ geschehen? Mit welchen Aktivisten hat man es zu tun? Schließlich kommt die ganze Wahrheit ans Licht, und die ist für alle grausam und beschämend. Der Krimi wird zur Geschichtsstunde, die still endet.

(sar)
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