Kathrin Weßling liefert mit "Nix passiert" ein Bild dieser Generation

Kathrin Weßlings neuer Roman „Nix passiert“ : Von Panikattacken und Liebeskummer

Von Wegen „Nix passiert“. In Alex’ Leben ist allerhand passiert. Seine Freundin Jenny hat ihn verlassen und nun erleidet er Liebeskummer. Nicht irgendeinen Liebeskummer, sondern Liebeskummer von der Sorte, der einen regelrecht depressiv werden lässt.

„Deine Worte sind eine Herzvernichtungswaffe, alles verseucht und tot danach, kontaminiertes Gebiet, das keiner je wieder betreten kann. Du hast alles versaut, du hast alles vergiftet, du dummes Stück Scheiße, ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich, ich vermisse dich so sehr.“ Das denkt Alex, während er Whiskey Sour trinkend und weinend in seinem Bett liegt.

Kathrin Weßling katapultiert die Leser ihres neuen Romans direkt in den Kopf der Hauptfigur. Der Ich-Erzähler leidet in „Nix passiert“ aber nicht nur an Liebeskummer und Panikattacken, sondern auch, weil er wie so viele seiner Generation nach dem Sinn des Lebens sucht – und nicht recht fündig wird. Weßling liefert mit ihrem zweiten Buch nach „Super und dir?“ (2018) einen interessanten Gesellschaftsroman, der das Bild einer ganzen Generation anhand der Gefühle der Hauptfigur zeichnet. Zerrissen zwischen Lässigkeit und Unverbindlichkeit einerseits und der Suche nach Loyalität, Freundschaft und Liebe andererseits.

Alex ist vom Land nach Berlin gezogen, weil er bloß raus aus der einengenden, spießigen Provinz wollte. In Berlin arbeitet er als Software Engineer, weil er das eben kann. Interessieren tut ihn sein Job nicht unbedingt. Er trifft Frauen, die er über Dating-Apps kennenlernt und serviert sie ab, sobald es ernster wird. Praktischerweise sei es ja heutzutage üblich, das Ende einer Beziehung darauf zu schieben, dass man „beziehungsunfähig“ sei. Dann müsse man nicht offen sagen, dass man nicht genug Gefühle für den Kurzzeit-Partner hat. Doch sogar den zynischen Alex erwischt es: Ihr Name ist Jenny. Als seine große Liebe ihn verlässt, fällt Alex in ein Loch.

Die Art, wie Alex seine Krise beschreibt ist hart, aber herrlich zu lesen. Denn dieser Alex ist selbstreflektiert. Er weiß, dass sein „Gejammere“ nervt. Er weiß, dass er sich mal langsam einkriegen sollte, sich weniger selbst bemitleiden sollte. Aber er kommt gegen seine Gefühle nicht an und lässt ihnen freien Lauf. Dieser Bewusstseinsstrom ist umgangssprachlich und authentisch. Das wirkt aber nie peinlich. An vielen Stellen muss der Leser wenn nicht lachen, dann jedenfalls schmunzeln, weil Weßling einen sehr ironischen Humor hat, der auch geschrieben funktioniert. Das klingt dann so: „Einige meiner Freunde, der Sascha zum Beispiel, sagen, dass es doch gut ist, dass ich so krasse Gefühle habe, also so leide, weil das ja zeigen würde, dass ich Jenny auch wirklich geliebt habe. Ja, witzig, denke ich dann, echt super interessant, aber das Ding ist: Das wusste ich auch schon vor dem Schmerz.“

Weil es mit Alex so nicht weitergehen kann, fährt er zu seinen Eltern. Sein Plan ist es, sich von Mama und Papa betüddeln zu lassen. Das Vorhaben geht aber nur mäßig auf. Stattdessen trifft Alex seine alten Klassenkameraden, die im Dorf geblieben sind. „Kinder, Garten, Doppelhaushälfte, und alles wäre so verdammt geregelt, so verdammt in Ordnung, und das meine ich nicht abwertend, denn im Grunde bin ich zutiefst neidisch auf dieses Leben, auf diese Gleichförmigkeit.“

Alex befindet sich mitten auf eine Reise in seine Vergangenheit. Zurück zu seiner nicht immer schönen Jugend, zu seiner ersten Panikattacke und seinen psychischen Problemen. Eine Krankheit, für die sich Alex noch immer schämt. Glücklich ist er aber auch in der chaotischen Großstadt nicht geworden. Alex muss sich im Elternhaus eingestehen, dass er Berlin eigentlich nicht mag, weil die Stadt dreckig, laut und schnell, zu schnell, ist. Er hasst, „dass alle ständig diesen gehetzten Blick haben, als würden sie was suchen, was sie wahrscheinlich auch machen, bloß weiß eigentlich keiner, was genau“. In jeder Sekunde fragt sich aber auch Alex: Was habe ich aus meinem Leben gemacht, und was will ich noch daraus machen?

Weßling, die selbst an Depressionen litt, beschreibt die Panikattacken und die damit verbundene Verzweiflung glaubwürdig und brutal. Mit Alex kreiert sie eine Figur, der stellvertretend für so viele Menschen dieser suchenden Generation steht. Das ist stellenweise beklemmend und traurig, aber vor allem sehr lesenswert – wenn man nicht gerade schlimmen Liebeskummer hat.

„Nix passiert“ von Kathrin Weßling, 240 Seiten, 18 Euro. Ullstein Verlag.