1. Kultur
  2. Buch

Bildband „Am Niederrhein“: Ideal von der Traumlandschaft

Bildband „Am Niederrhein“ : Ideal von der Traumlandschaft

In seinen Bildern liegen Stille und Wehmut. Mit der Kamera nimmt er Abschied von einer Welt, die schon damals – in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg – langsam versank und die er noch einmal bewegend in Szene setzt.

Der Chemiker und Fotograf Erwin Quedenfeldt (1869-1948) wurde vor genau 150 Jahren in Ostpreußen geboren, kam als Fotochemiker an den Main und ging dann nach Düsseldorf. Als Pionier der Fototechnik hat er Patente angemeldet und sogar neuartige Blitzlichtapparaturen entwickelt, war Mitglied im „Deutschen Photographen-Verein“ und gründete die „Rheinische Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie“.

 Natur und Architektur

 Der umfangreiche Fotoband „Am Niederrhein. Fotografien von Erwin Quedenfeldt vor dem Ersten Weltkrieg“ von Helge Drafz, Reinhard Matz und Irmgard Siebert nimmt den Leser auf rund 300 Fotografien mit in malerische Flusslandschaften, schmale Gassen, zu umwucherten Schlössern, wo Natur und Architektur miteinander verschmelzen, und in die Städte am Wasser. Seine Fotoarbeiten sind geprägt von der Sehnsucht nach Verlangsamung in Zeiten, die sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik zunehmend brisanter und unberechenbarer werden. So schaltet der Fotograf optisch die Moderne aus, zeigt Fuhrwerke und Leiterwagen, den Bauern mit dem Feierabend-
pfeifchen am Gartenzaun, Boote auf dem Altrhein und Männer, die ein Pferd beschlagen.

Informativ liefern die Autoren neben den Essays in kleineren eingestreuten Beiträgen das nach, was Quedenfeldt im Foto ausblendet. Sie ergänzen geschickt die Geschichten der grandiosen atmosphärischen Fotoarbeiten.

So sind Aufnahmen der fast vergessenen Altstadtkerne von Duisburg, Düsseldorf, Krefeld und Kleve als lebendige historische Dokumente erhalten. Man wandert mit ihm gemächlich über den abschüssigen Klever Marktplatz, an dem die Gaststätten „Zum Deutschen Kaiser“ und „Zum großen Kurfürsten“ miteinander wetteifern, und wirft zudem einen Blick auf die Niederlande. Erst 1815, beim Wiener Kongress, wurde die Grenze zwischen deutschem und niederländischem Staatsgebiet gezogen. Quedenfeldt beweist durch eindrucksvolle Architekturaufnahmen, dass hier ein historisch gewachsener deutsch-niederländischer Kulturraum künstlich getrennt worden ist. Der Fotograf hat einen Blick für Details. Da sind schön gearbeitete Türen in Emmerich und im ehemaligen Rathaus von Neuss, das vom Rokoko geprägt war, das Gotische Haus in Xanten und immer wieder die Mühlen am Niederrhein.

Menschen auf diesen Fotos zeigen keine Hektik, spielende Kinder, Damen mit großen Hüten und schönen Kleidern, Wäscherinnen am Brunnen und deftige Marktfrauen bevölkern die Bilder. Selbst die Härten des Lebens, die Mühen der Bauernfamilie, die mit dem Holzpflug den Acker urbar macht, schiefe Treppen, von Feuchtigkeit dunkles Gemäuer oder die düstere Schmiede in Meerbusch erhalten einen edlen Schimmer.

Es lohnt sich, mit dem Fotografen auf Entdeckungsreise zu gehen. Er gibt Innenräumen ein so unwiderstehlich weiches Licht, dass der Krämerladen in Krefeld mit Sauerkraut und Wurzelgemüse oder der Toreingang von Schloss Rheydt und das Kopfsteinpflaster der nassen Straße durch das Rheintor in Zons wie alte Gemälde erscheinen. Und es gibt Besonderheiten – etwa den Maler, der im Schnee vor seiner Staffelei in einem Düsseldorfer Hinterhof sitzt, die strickenden Mädchen beim Kühe-Hüten in Meerbusch und eine berauschende Palmsonntagsprozession in Kevelaer.

Fabrikschlote und Rauchwolken blendet er aus, obwohl es sie damals längst gab. Der Niederrhein als Wunschlandschaft eines Flaneurs? Ja, das war es, was Quedenfeldt wollte und was man im Bildband optisch respektiert.