1. Kultur
  2. Buch

Campino-Biografie: „Hope Street: Wie ich einmal englischer Meister wurde“

Campino-Biografie : „Hope Street: Wie ich einmal englischer Meister wurde“

Eigentlich wollte Campino ein Buch über seine Fußballleidenschaft schreiben. „Hope Street“ sollte ein Tagebuch der Saison 2019/20 mit dem FC Liver­pool werden.

Beim Schreiben begriff der Sänger der Toten Hosen aber, dass er dazu erst einmal erklären musste, wie ein „Düsseldorfer Jung“ überhaupt begeisterter Anhänger eines englischen, extrem mit seiner Stadt vebundenen Vereins werden konnte. Der Weg der Reds vom Saisonstart gegen Manchester City bis zum englischen Meistertitel im durch Corona eingeschränkten Sommer ist also die Rahmenhandlung des Buchs, von der aus Campino immer wieder in Episoden aus seiner Biografie springt: In seiner Kindheit in Mettmann in der Nähe von Düsseldorf wählt er Liverpool eher zufällig als seine englische Lieblingsmannschaft, deren Spiele er fortan auf BFBS verfolgt.

In der Jugend nimmt die Musik dann zunehmend seine Zeit ein, vertieft aber auch die Begeisterung für alles, was mit England zu tun hat – der Heimat seiner Mutter und der Wiege des Punk. Als Erwachsener blockt er alle (möglichen) Spieltermine seines Lieblingsvereins aus dem Tourplan der „Toten Hosen“ und fliegt zu jedem Match, das er irgendwie erreichen kann.

In den guten Momenten gibt „Hope Street“ hochspannende Einblicke in die Geschichte der englisch-deutschen Familie. Man erfährt, gegen welche Widrigkeiten die Eltern nach dem Krieg zusammenfanden, wie die Mutter in ihrer Liebe zur Heimat zerissen blieb und doch nie zurückwollte, und wie sie es schaffte, ihren sechs Kindern die Begeisterung für die Insel mitzugeben. Mit vielen Details, zum Beispiel aus Unterlagen aus der Zeit seines Vaters als Richter in der NS-Zeit und aus Briefwechseln seiner Mutter mit den Verwandten in England, hat Campino sich selbst erst in der Vorbereitung für das Buch auseinandergesetzt.

Auch wenn die Bandkollegen und Campinos „Hauptjob“ im Vergleich zu Freund und Liverpool-Trainer Jürgen Klopp und zum Verein eher im Hintergrund bleiben, erinnert „Hope Street“ auch an bewegende Momente aus der Bandgeschichte – weniger die großen Erfolge, als zum Beispiel das Unglück beim tausendsten Konzert mit einer Toten und vielen Verletzten.

In den schlechten Momenten verliert sich das Buch in der detaillierten Beschreibung, warum nun nicht gleichzeitig über den Pay-TV-Account Fußball und Tennis geschaut werden kann, oder hat – im negativen Sinne – Gänsehaut erzeugende lokalpatriotische „An Tagen wie diesen“-Anmutungen. Auch sprachlich bekommt man, was Hosen-Songs vermuten lassen: Hier wird nicht subtil angedeutet, hier schreit einem der Fanblock lauthals ins Gesicht, was Sache ist.

Letztlich schafft es Campino aber, seine Begeisterung nachfühlbar zu machen. Auch wem die Spielergebnisse aus der englischen Liga herzlich egal sind, möchte sich während der Lektüre einen schwarzen Tee mit Milch machen und einen Flug nach Liverpool buchen, um dort mit einer Tüte Fish and Chips am Hafen entlangzulaufen. Und na gut: Auch, um einmal im Stadion zu stehen und „You’ll Never Walk Alone“ mitzusingen.