Helmut Krausser veröffentlicht neuen Roman "Trennungen. Verbrennungen"

Verführt, verwirrt, verloren : Ein amüsantes Kaleidoskop ineinander verwickelter Beziehungen

Soll man nun lachen oder weinen, wenn man den neuen Roman von Helmut Krausser zugeklappt hat? Vermutlich beides zugleich. Ganz normale Beziehungen, ganz normales Alltagsleben, ganz normale Familien haben eben auch ihre Tücken. Und das kann gelegentlich ganz schön vertrackt sein.

Frederick Reitlinger ist Professor für Archäologie, erfolgreich, hoch angesehen und nicht ganz unvermögend. Mit seiner schönen Frau Nora ist er schon lange verheiratet. Das Ehepaar ist sich sehr zugetan; man kann sagen, sie sind wirklich glücklich. In der respektablen Berliner Villa hat man sich behaglich eingerichtet, Gäste sind willkommen; es ist eine Ehre, bei den Reitlingers eingeladen zu werden.

Sex im Hochschulmilieu

Nun gibt es aber ein kleines Problem. Fred ist seit einigen Jahren nicht mehr in der Lage den sogenannten ehelichen Pflichten nachzukommen. Für Nora ein ziemliches Problem, und so billigt er die Affäre seiner Frau mit dem charmanten Hotelier Arnie. Die Ehegatten sprechen offen über die unangenehme Situation, ansonsten wird die Angelegenheit diskret behandelt. Das ist auch stark in Arnies Sinne. Er ist mit Margret verheiratet und hat drei kleine Kinder. Das Arrangement funktioniert für alle Seiten befriedigend.

Nicht so gut funktioniert es mit den beiden Kindern der Reitlingers. Ansger hat sich seit zwei Jahren nicht mehr bei der Familie gemeldet. Zu enttäuscht war er über die Weigerung seines Vaters, ein ehrgeiziges Internetprojekt zu finanzieren. Dem war die Sache zu heikel und die benötigte Summe zu hoch. Tochter Alisha ist 19 Jahre alt, studiert Politologie und hat aus der Pubertät offensichtlich noch nicht ganz herausgefunden. Gerne und komfortabel wohnt sie in der heimatlichen Villa, kritisiert ihre Eltern aber unaufhörlich wegen ihres bourgeoisen Lebensstils. Zudem verfällt sie dem feministischen Extremismus der allerdümmsten Sorte. Die Leserschaft wird sie vermutlich nicht besonders mögen, aber die junge Frau mag sich eigentlich auch selbst nicht.

Helmut Krausser: „Trennungen. Verbrennungen“ , 256 Seiten, 22 Euro, Berlin. Foto: berlin

Nun hat sich Alisha gerade in ihre höchst attraktive Kommilitonin Caro verliebt. Caro lebt ihre Sexualität frei aus, zurzeit mit dem höchst potenten, aber beruflich erfolglosen Petar. Nebenbei arbeitet sie gelegentlich als Escort-Girl um die Haushaltskasse etwas aufzubessern. Davon darf Alisha aber keineswegs etwas wissen.

Zwei weitere Protagonisten kommen hinzu, die beiden Doktoranden von Fred Reitlinger, Gerry und Leopold. Die beiden Männer sind befreundet, buhlen aber als Konkurrenten bei ihrem Professor um eine lukrative Stelle an der Universität. Nur einer kann gewinnen! Beide sind fest liiert, Gerry mit Sonja und Leopold mit Iris. Soweit das Szenario.

Gnadenlos und witzig

Kraussers Roman setzt genau da an, wo all die mehr oder weniger komplizierten Arrangements in sich zusammenfallen wie ein Pappkarton. Und nachher eben nichts, nichts mehr so ist wie es früher einmal war. Der verlorene Sohn Ansger taucht wieder auf – kokainabhängig, heruntergekommen und finanziell ruiniert. Ein trauriges und schlimmes Ende wird es mit ihm nehmen. Margret kommt ihrem ungetreuen Ehemann Arnie mit dubiosen Mitteln auf die Schliche. Sie hat ja von der Affäre mit Nora nichts gewusst. Das „Aus“ einer Ehe?

Alisha merkt langsam, aber sicher, dass sich die vergötterte Freundin Caro prosituiert. Und dann hat Doktorand Leopold, ohne die persönlichen Zusammenhänge zu kennen, Caros Dienste in Anspruch genommen und sich in die charismatische Frau verliebt. Als dann auch noch ein Boot am Wannsee in helle Flammen aufgeht, erreicht der Roman seinen Höhepunkt.

Wenn das nicht atemberaubende Spannung mit höchstem Unterhaltungswert verspricht! Helmut Krausser schreibt keine sogenannte Hochliteratur, aber er schreibt sehr, sehr gut. Seine Protagonisten zeichnet er zugleich gnadenlos und liebevoll, witzig und entlarvend. Er schaut genau dahin, wo es im Leben hakt und berührt damit. Lachen oder weinen? Das müssen Leserinnen und Leser selbst entscheiden. Viel Vergnügen dabei!

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