„Heiliger Zorn – Wie die frühen Christen die Antike zerstörten“ von Catherine Nixey

Sachbuch „Heiliger Zorn“ : Wie die frühen Christen die Antike zerstörten

Die Angreifer kamen aus der Wüste. Sie waren bärtig, schwarz gekleidet und von wildem Glaubenseifer beseelt. Ihr Ziel waren die „heidnischen“ Tempel der Oasenstadt Palmyra.

Die Statue der Göttin Athene war in ihren Augen ein frevelhaftes Götzenbild, das es zu zerstören galt. Mit heiligem Zorn machten sich die „Rechtgläubigen“ ans Werk, sie köpften die Göttin und zertrümmerten ihren Körper in tausend Einzelteile. So dieses Buch.

Und wer denkt bei dieser Schilderung nicht an den IS, der 2015 über das antike Palmyra herfiel und unermesslichen Schaden anrichtete? Doch tatsächlich beschreibt die Autorin hier eine Szene aus dem Jahr 385 nach Christus. Und die Gotteskrieger waren keine Islamisten, sondern Christen. Die frühen Christen, so Nixeys These, waren mitnichten die friedliebenden, von den Römern grausam verfolgten Außenseiter, als die sie sich darzustellen beliebten und wie es von den christlichen Chroniken unisono überliefert wird.

Tatsächlich waren sie intolerante Eiferer, die keine andere Weltanschauung neben der eigenen duldeten und die, als sie erst einmal die Macht dazu hatten, Andersgläubige bekehrten und unterdrückten. Nichtchristliche Philosophen wurden gnadenlos verfolgt und manchmal sogar getötet, römische und griechische Tempel geschändet, kostbare Kunstwerke für immer zerstört und antike Schriften, die nicht ins christliche Weltbild passten, unterschlagen und der Nachwelt vorenthalten.

Nixeys Buch hat bereits bei seinem Erscheinen 2017 in Großbritannien und den USA für Aufsehen gesorgt. Dabei sind ihre Erkenntnisse so neu nicht. Schon Edward Gibbon hatte Ende des 18. Jahrhunderts in seinem berühmten Werk „Verfall und Untergang des römischen Imperiums“ am Mythos der christlichen Frühkirche gerüttelt und deren „gleichgültige, ja fast schon kriminelle Geringschätzung des Staatswohls“ gegeißelt.

Doch Nixeys Buch ist deutlich schlagkräftiger. Denn die studierte Althistorikerin weiß als Journalistin bildhaft und punktgenau zu formulieren. In den Quellen sattelfest, bereitet sie Geschichte auf exzellente Weise für ein breites Publikum auf. Das erklärt ihren Erfolg. Nixey stürzt reihenweise christliche Säulenheilige. Wer kennt nicht den heiligen Martin? Zum Bild des mildtätigen Bischofs, der seinen Mantel der Legende nach mit einem armen Mann auf der Straße teilte, will es so gar nicht passen, dass er als blindwütiger Tempelzerstörer in Frankreich auftrat.

Fast noch schlimmer war das Wirken des Patriarchen von Alexandria, Theophilos. Der eifernde Gottesmann war der Anführer einer Gruppe christlicher Fanatiker, die 392 n.Chr. eines der größten Wunder der antiken Welt zerstörte, den heute nur noch Spezialisten bekannten Serapis-Tempel in Alexandria. Im Namen von Jesus Christus kam es auch zu grausamen Morden.

In den christlichen Schriften wird man von all dem nicht viel oder nur verzerrte Darstellungen finden. Die geistigen Brandstifter saßen in den Schreibstuben. Die Autorin zitiert reihenweise aus den Schriften von verehrten Kirchenvätern wie dem heiligen Augustinus oder Johannes Chrysostomos, in denen es oft weniger um Friedfertigkeit als um Vernichtungsfantasien ging. Nixey hat ihr Buch tatsächlich in „heiligem Zorn“ geschrieben. Ihr Buch enthält viele unbekannte Fakten und ist deshalb sehr lesenswert.

(pei)
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