Hans Magnus Enzensberger: „Fallobst – Nur ein Notizbuch“

Gedanken über Gott und die Welt : Gesammeltes Fallobst zum 90.

Hans Magnus Enzensberger hat sich Gedanken über Gott und die Welt gemacht. Der Lyriker, Essayist und Theaterautor veröffentlicht eine Sammlung von Erinnerungen und Glossen.

Hans Magnus Enzensberger hat zum 90. Geburtstag am 11. November „Fallobst“ gesammelt. So nennt er sein bei Suhrkamp erschienenes „Notizbuch“ mit Gedankensplittern, Beobachtungen, Literaturzitaten und Glossen, das ebenso wie zuvor erschienene Bücher („Tumult“ und „Eine Handvoll Anekdoten“) die große, bis heute nicht geschriebene Autobiografie ersetzt.

Der 2015 verstorbene Autor und Kritiker Fritz J. Raddatz will erkannt haben, wer Enzensberger ist, er sah in ihm einen „Bruder Lustig“ mit einer „gutgelaunten Kälte“ und „bissigen Teilnahmslosigkeit“, wie Raddatz in seinen veröffentlichten Tagebüchern notierte. Für den 1929 in Kaufbeuren im Allgäu geborenen Enzensberger selbst war es jedenfalls „kein vielversprechender Beruf, Deutscher zu sein“, wie er sich an die „moralische Wüste“ des viergeteilten Deutschlands nach 1945 erinnert. „Ich wollte lieber schreiben“, notierte er in seiner „Verteidigung eines Agnostikers“, als dessen Nachteil Enzensberger allerdings auch sieht, dass er „nirgendwo voll und ganz dazugehört“.

Mitgemischt und rumgeschwafelt

Aber mitgemischt hat der einstige „junge Wilde“ der Nachkriegsliteratur dennoch, sei es im legendären Literaturclub der Bundesrepublik „Gruppe 47“ oder bei den rebellischen 68ern der damaligen Außerparlamentarischen Opposition (APO) gegen die Große Koalition in Bonn in den 60er Jahren, worüber unter anderem eines seiner letzten Erinnerungsbücher mit dem vielsagenden Titel „Tumult“ Auskunft gibt.

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger nimmt an einer Podiumsdiskussion teil. Foto: dpa/Nicolas Armer

Dass Enzensberger auch mit 90 Jahren nicht müde wird, sich über „Gott und die Welt“ Gedanken zu machen, zeigt sein neuestes „Notizbuch“ mit Zeichnungen des 2011 gestorbenen Illustrators Bernd Bexte, mit manchen guten und treffenden Beobachtungen, aber auch Läppischem oder Tante-Emma-Weisheiten und populärem Politiker-Bashing. Und gleichzeitig notiert er unter der Überschrift „Die Kunst des Schwurbelns“: „Im Kunstbetrieb, im Journalismus und in der Kulturpolitik gehört das Schwafeln zu den gefragtesten Talenten.“

Dann wieder notiert Enzensberger – auf der Höhe der Zeit – zur Migration sehr Nachdenkenswertes, denn ohne sie würde jede menschliche Gesellschaft veröden trotz aller Konflikte und Schwierigkeiten. Denn: „Unsere Literatur und unsere Sprache wären ohne ihre Aus- und Einwanderer ein trostloses Heimspiel geblieben.“

Oder es setzt aktuelle Seitenhiebe gegen die USA, ein Land mit einer „unheimlichen Mischung von Gier und Geschmacklosigkeit, puritanischer Fassade und krassen Klassenunterschieden“ und einem Präsidenten mit dem „treffenden Namen Donald“. Enzensbergers 2015 gestorbener Freund Gaston Salvatore, ein Weg- und Kampfgefährte auch von Rudi Dutschke und Wolfgang Neuss, pflegte seine Landsleute – die Chilenen und die Deutschen – als „kolonisierte Affen“ zu bezeichnen, schreibt Enzensberger, „weil sie jeden Blödsinn, der aus den Vereinigten Staaten kommt, sofort imitieren“.

Hans Magnus Enzensberger: „Fallobst – Nur ein Notizbuch“, 366 Seiten, 30 Euro, Suhrkamp. Foto: dpa/-

Hochaktuell sind Enzensbergers Warnungen vor „unheilvollen Verbindungen von Geheim- und Nachrichtendiensten und Internet-Konzernen“, ergänzt mit seinem bissigen Kommentar vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte: „Die Rolle des Blockwarts und des Denunzianten haben Millionen Überwachungskameras und Mobiltelefone übernommen.“ Enzensberger sieht sogar „anthropologische Veränderungen“ beim Menschen durch Smartphones.

Ausgepumpt und Glück gehabt

Bedenkenswert auch seine Gedanken zum Thema „Nischengesellschaft“, was gerne der DDR nachgesagt wurde. Ähnliches gelte unter anderem für die Hausbesitzer von Sylt, für die „kosmopolitische Neo-Bohème von Berlin-Kreuzberg“ (Prenzlauer Berg und Schwabing möchte man hinzufügen) und für die „Banker-Gemeinden im Taunus“.

Natürlich haben in einem Buch zum 90. Geburtstag auch Gedanken über den Lebensabend und die verrinnende Zeit ihren Platz. „Jetzt gleiche ich einem Autoreifen, aus dem langsam die Luft entweicht“, notiert Enzensberger lakonisch und spricht gleichzeitig von der „Kunst, sich langsam und möglichst unauffällig vom Leben zu verabschieden“. Und es bleibt ein berufliches Lebensfazit: „In meinem Beruf kam ich nicht unter die Räder, weil ich mehr als andere, die begabter waren und verhungert sind, einfach Glück hatte.“ Ob die Leser des neuen (und letzten?) Enzensberger-“Notizbuches“ auch Glück haben, bleibt dahingestellt und wohl jedem einzelnen – je nach Grad der Enzensberger-Verehrung – überlassen.