Roman „Das Mädchen aus der Severinstraße“: Gut recherchierter Blick in Kölns NS-Vergangenheit

Roman „Das Mädchen aus der Severinstraße“ : Gut recherchierter Blick in Kölns NS-Vergangenheit

„Sind Sie eine frische Frau mit Mut? Haben Sie Interesse an deutscher Mode?“ Maria Reimer hat. Sie ist 17 Jahre alt, hochgewachsen, blond. Und entspricht auch sonst dem „nordischen Typ“, der fürderhin die deutsche Kleidergestaltung beherrschen soll: „Schmale Taille, schmales Becken, lange Beine. Und kleine Brüste…“

Und so kommt es, dass „Das Mädchen aus der Severinstraße“ 1937 in einen Zug nach Düsseldorf steigt, um sich dort als Fotomodell zu bewerben. Aus Maria wird Mary Mer – und aus dem jüdischen Fotografen Noah Ginzburg die große Liebe ihres Lebens.

Für ihren gleichnamigen Roman hat sich Annette Wieners von Ereignissen aus ihrer Familie inspirieren lassen. Maria Reymer, ihre Großmutter, die sich mit „y“ schrieb, hat wirklich gelebt. In Köln, wo auch Wiemers seit den 90er Jahren heimisch geworden ist. Erzählt wird aus Sicht der jungen Maria, die sich nicht ihrem Schicksal als Tochter aus gutem Hause fügen will, und aus Sicht der Enkelin, die im Roman Sabine heißt und beim Jugendamt arbeitet, sowie, später, der alten Maria. In deren Haus in Forsbach entdecken die beiden Frauen unterm Orientteppich 15 kaum benutzte Tausendmarkscheine – und da ist noch mehr versteckt.

Annette Wieners räumt auf mit dem Mythos, Köln habe besonders eifrig gegen den Nationalsozialismus Stellung bezogen, legt die menschenverachtende Verzahnung örtlicher Industrie mit den Machthabern offen oder erläutert, warum Tanzmariechen heute weiblich sind. 1937 wurden die, bis dato traditionell männlichen, Darsteller ausgetauscht. Unter dem Motto „Zurück zur Natur“.

Köln vor dem Krieg wird der Stadt von heute gegenübergestellt. Wobei auch letztere nicht immer gut wegkommt. Wer auf Liebeschmonzetten mit historischem Flair steht, sollte diesen Roman meiden. Wer eine gut recherchierte Reise in die Vergangenheit mit einer lebensecht gezeichneten Heldin antreten möchte, unbedingt zugreifen.

(sus)