Francesca Melandris „Alle, außer mir“ beschreibt blinde Flecken einer Familie

Alle, außer mir : Die blinden Flecken einer Familie im Roman behandelt

Ilaria Profeti staunt nicht schlecht, als da ein junger Äthiopier im Treppenhaus vor ihrer Wohnung in Rom wartet und sagt, sie sei seine Tante. Der Mann, der sich von Addis Abeba durch die Sahara, die Internierungslager Libyens, übers Mittelmeer, die Inseln Lampedusa und Sizilien bis in die Ewige Stadt durchgeschlagen hat, kann sich ausweisen: Und der zweite Nachname im Personaldokument ist der Name von Ilarias Vater, seines Großvaters.

So beginnt ein Roman, in dem die italienische Autorin Francesca Melandri ihre Leser in die europäische Aktualität der Flüchtlingskrise führt und auf eine Zeitreise in die koloniale Vergangenheit mitnimmt. „Alle, außer mir“ bietet ein Sittengemälde Italiens in der Zeit von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, und er legt den Finger in eine offene Wunde des südeuropäischen Landes: Seine nie aufgearbeitete Faschismus- und Kolonialgeschichte. Er ist obendrein ein großartiges Porträt Roms und der quirligen Umgebung des Esquilins, des höchsten der sieben Hügel der Stadt, auf dem Ilaria wohnt.

Lebemann der alten Schule

Die Lehrerin, die mit Melandri das Geburtsjahr 1964 gemein hat, muss erkennen, dass sie über ihren steinalten Vater eigentlich wenig weiß. Attilio Profeti war ein italienischer Lebemann der alten Schule und hat es mit allerlei mehr oder weniger krummen Geschäften zu Wohlstand gebracht. Als junges Mädchen erfuhr Ilaria, dass es neben ihren beiden älteren Brüdern noch einen deutlich jüngeren Halbbruder aus einer Parallelbeziehung des Vaters in Rom gibt. Dass der alte Herr aber als junger Mann in Äthiopien 1940 auch einen Sohn mit einer Afrikanerin zeugte, ist ihr neu. Der Sohn dieses Sohnes, Shimeta, steht nun vor ihrer Tür. Fragen kann Ilaria ihren Vater nicht mehr, denn der ist mit seinen 95 Jahren schon zu senil.

„Alle, außer mir“ ist das Lebensmotto Profetis. Mit diesen Worten stellte er als Kind die eigene Sterblichkeit in Abrede, und als er schließlich doch das Zeitliche segnet, hat er die meisten seiner Mitstreiter überlebt. Im Leben hat er stets unheimliches Glück. In Lugo bei Ravenna aufgewachsen, zieht er Ende 1935 als „Schwarzhemd“ – als faschistischer Freiwilliger – nach Ostafrika. Dort sind die Italiener von ihren Kolonien Eritrea und Somalia aus in Äthiopien einmarschiert. Um den Widerstand der Abessinier zu brechen, setzen sie Senfgas ein. Tausende Äthiopier werden während der nur fünfjährigen italienischen Herrschaft umgebracht.

In Äthiopien arbeitet Attilio mit einem Rassenforscher zusammen, der die „Überlegenheit“ der Weißen wissenschaftlich zu beweisen versucht, und schreibt selbst Aufsätze zum Thema. Ilaria stößt bei ihren Forschungen auf die Doppelmoral des italienischen Kolonialismus: Während offiziell strengste Apartheid propagiert wurde, zeugten italienische Soldaten, Siedler und Schwarzhemden eifrig Kinder mit einheimischen Frauen. Mehr noch: Diktator Benito Mussolini ließ in den Bordellen Italiens Bilder nackter Äthiopierinnen aufhängen, um die jungen Männer für den Einsatz in den Kolonien zu motivieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte in Italien niemand etwas von den kolonialen Schandtaten wissen, ebenso wenig wie von den Massakern, die Mussolinis Truppen in Griechenland, Kroatien oder Slowenien verübt hatten. Auch Attilio Profeti schafft mühelos die Rückkehr ins Zivilleben. Niemand fordert Rechenschaft. Ilaria erlebt später, wie unter Berlusconi ein leichtfertig-lockerer Umgang mit dem Faschismus einsetzt. Der „Cavaliere“ tönt, dass unter Mussolini die Züge pünktlich fuhren, und eine TV-Soap wird nach einem Mussolini-Zitat benannt. „In diesem Land zählen Worte nichts, die Geschichte zählt nicht mehr“, klagt Ilaria.

„Sangue giusto“ („Richtiges Blut“) heißt das Buch im italienischen Original, eine Anspielung auch auf das in Italien gültige Ius Sanguinis, das Abstammungsprinzip, das über die Staatsangehörigkeit entscheidet. All zu große Beachtung fand der Roman in Italien nicht. In Deutschland ist das anders, wozu womöglich auch Ex-SPD-Chef Martin Schulz beitrug, der das Buch als Gast im „Literarischen Quartett“ des ZDF empfahl.

Melandri springt geschickt zwischen Gegenwart und Vergangenheiten, nur gegen Ende wird sie vielleicht etwas zu weitschweifig. Die deutsche Übersetzung ist nicht durchgehend gelungen, doch ist es ein höchst lesenswertes Buch über ein nicht nur italienisches, sondern auch europäisches Thema. In Italien liefert derweil die faschistische Vergangenheit weiter Zündstoff. Innenminister Matteo Salvini empörte Ende Juli die Opposition, als er auf Twitter mit „Viel Feind, viel Ehr“ einen bei Mussolini beliebten Spruch gebrauchte – ausgerechnet am Geburtstag des Duce.

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