Nah, aber bitte nicht zu nah: Ferdinand von Schirach liest im Theater Aachen

Nah, aber bitte nicht zu nah : Ferdinand von Schirach liest im Theater Aachen

„Kaffee und Zigaretten“ ist das bislang persönlichste Buch von Ferdinand von Schirach. Die Einblicke, die der Leser bekommt, bleiben jedoch oft vage, von Schirach distanziert sich von der eigenen Geschichte, indem er in die dritte Person wechselt, lässt offen, was Wahrheit und was Fiktion ist. Viel mehr verrät er auch am Mittwochabend auf der Bühne des Theaters Aachen nicht.

Episodenhaft erzählt von Schirach in seinem achten Buch von Begegnungen und Begebenheiten aus seinem eigenen Leben. Daneben beschreibt er Fälle aus seiner Zeit als Rechtsanwalt, wie Leser sie aus vorigen Büchern kennen. „Irgendwann erschöpft sich das aber“, sagt von Schirach im Gespräch mit Inge Zeppenfeld, Chefdramaturgin am Theater Aachen. „Mann bringt Frau um, Frau bringt Mann um... da gibt es nicht so endlos viele Kombinationen“, sagt er schmunzelnd.

Sowieso scheint von Schirach gut gelaunt zu sein. Immer wieder bringt er das Publikum mit trockenen Einschüben zum Lachen, bezieht es in den Dialog auf der Bühne ein. Während er liest – stehend, angeleuchtet von einem einzigen Spot auf einer ansonsten komplett dunklen Bühne – ,wirkt er ernster, bedächtiger. Das Publikum im voll besetzten Saal lauscht gespannt, lacht, wo immer es der Text dann doch zulässt.

Von Schirach liest das erste Kapitel aus „Kaffee und Zigaretten“: Nach dem Tod seines Vaters versucht der damals 15-Jährige, sich mit einer Schrotflinte in den Kopf zu schießen. Der Versuch misslingt. Einige Jahre später versucht der inzwischen 18-Jährige, seiner Freundin zu erklären, wie sich seine Depression anfühlt. Ob er es für sinnvoll halte, Depressionen zum Unterrichtsthema in Schulen zu machen, fragt Zeppenfeld anschließend. „Ich glaube nicht, dass es mir irgendetwas geholfen hätte, wenn ein Lehrer mir das damals erklärt hätte“, sagt der Autor.

Nicht viel zu entlocken

Über seine eigene Depression, seinen Selbstmordversuch und Themen wie der Nazi-Vergangeheit seiner Vorfahren ist ihm aber kaum mehr zu entlocken, als im Buch steht. Auf seinen Großvater, den NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, sei er noch immer wahnsinnig wütend, schäme sich für ihn, sagt von Schirach. Und ergänzt: „Vielleicht ist die Art, wie ich schreibe – letztlich wie ich alles tue –, aber auch genau darin begründet.“

Nach 45 Minuten wird bereits zur Pause unterbrochen, augenscheinlich möchte von Schirach rauchen gehen. Danach, mit der Rückkehr in den Lichtkegel am Rednerpult, wird er ernsthafter, mahnender. Unter dem Titel „Warum ich schreibe“ gibt von Schirach einen Abriss der Geschichte der Aufklärung vom Gang nach Canossa über Montesquieus „Geist der Gesetze“ bis zu den Prinzipien heutiger Verfassungen.

Zwar seien Verfassungen nur Worte, hatte von Schirach zuvor gemahnt, weshalb man ständig über ihren Inhalt im Gespräch bleiben und die Worte mit Leben füllen müsse – das gelte nicht nur für Gerichte, sondern auch für alle Bürger. Dennoch plädiert der Autor dafür, eine echte Verfassung für Europa zu schaffen.

Von Schirach schließt etwas leichter mit zwei weiteren Kapiteln aus „Kaffee und Zigaretten“: Mit einer Anekdote über den versehentlich entdeckten Fetisch eines steinreichen, in die Jahre gekommenen Unternehmers und einer Liebeserklärung an seinen Oldtimer-Wagen.

Im Foyer bildet sich gleich nach dem ausgiebigen Schlussapplaus eine Menschentraube um den Autor, der nun erst einmal Bücher signieren muss – die nächste Zigarette muss warten.

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