Feministin Sophie Passmann begibt sich mit Buch auf Spurensuche

Der alte weiße Mann : Feministin Sophie Passmann begibt sich auf Spurensuche

Der alte weiße Mann ist das Feindbild der heutigen Zeit, vor allem in der feministischen Debatte. Sophie Passmann, derzeitige Vorzeige-Feministin in Deutschland, begibt sich auf die Suche nach diesem vagen Feindbild.

Doch bevor sich alle Männer diskriminiert fühlen und in Schnappatmung verfallen, gibt Passmann direkt zu Beginn ihres Buches Entwarnung: Nicht jeder Mann, der alt und weiß sei, gehöre automatisch zu diesem Feindbild, stellt sie klar. Also, wieder durchatmen und weiterlesen.

Passmann lässt in ihrem Buch „Alte weiße Männer“ viele potenzielle Exemplare dieser Spezies mit ihren Ansichten zu Wort kommen – von Kai Diekmann (einst „Bild“-Chefredakteur) über Juso-Chef Kevin Kühnert, Blogger Sascha Lobo bis zu Fußball-Kommentator Marcel Reif. Das ist keine Hochliteratur, aber äußerst unterhaltsam geschrieben.

Ein Sommer, 16 Männer

Passmann kann man derzeit eigentlich gar nicht aus dem Weg gehen. Die 25-Jährige hat Tausende Follower bei Twitter und Instagram, moderiert im Radio, gehört zum Team der Böhmermann-Satire-Sendung „Neo Royal“, hat eine Kolumne im „Zeit“-Magazin und ist seit diesem Monat auch Buchautorin. Einen ganzen Sommer lang hat sich Passmann für ihr Debüt mit einflussreichen Männern getroffen. Das Ziel war ein „Schlichtungsversuch“ – so der Untertitel des Buches. Die Ausgangsfrage an alle Männer ist, ob sie selbst sich als alte weiße Männer sehen.

Bei manch einem Treffen ist von Versöhnung aber nun wirklich keine Rede. Das krasseste Beispiel und die größte Enttäuschung ist das Gespräch mit Alt-Hippie Rainer Langhans, der den „Opferfeminismus“ kritisiert und allen Ernstes die These vertritt, Frauen wollten eigentlich vergewaltigt werden. Unfassbar.

Sophie Passmann: „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch.“ 288 Seiten, 12 Euro, Verlag Kiepenheuer und Witsch . Foto: Kiwi Verlag

Die meisten Treffen verlaufen aber weniger bestürzend und weniger überraschend. Dass Passmann Kühnert und Grünen-Chef Robert Habeck zu „den Guten“ zählt, die „in unserem Team spielen“, entspricht dem, was man von den beiden Politikern erwarten kann. Mit Habeck plaudert sie an der Spree. Für Männer sei es nicht leicht, „aus dem Verhaftetsein in der starken Rollenperformanz auszubüchsen“, erklärt er in bestem Politikersprech.

Passmann, gibt die Unterhaltungen mit den 16 Männern wieder und schiebt ihre Gedanken dazu ein. Das ist meist amüsant und klug, manchmal ein wenig oberlehrerhaft. Sie hat etwas zu sagen. Zwar liefert sie vor allem erwartbare und gängige feministische Positionen, das aber äußerst pointiert. Außerdem ist es interessant zu lesen, wie sich der ein oder andere Mann selbst entlarvt und dann davon die Rede ist, dass Frauen ja auch zu viel wollten. Modeblogger Carl Jakob Haupt tut gleich den ganzen Feminismus als Luxusproblem ab.

Das Buch ist so kurzweilig, dass man Passmann das ewige und falsche Benutzen der Floskel „Am Ende des Tages“ sogar nahezu verzeiht. Allein Beschreibungen wie die von „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt machen kleine Unzulänglichkeiten wett: „Er drückt die flache Hand auf seine Brust, genau an die Stelle, wo bei Menschen, die nicht für den Springer-Verlag arbeiten, das Herz schlägt.“ Poschardt ist übrigens gegen eine Frauen-Quote und erklärt, dass Macht „auch nicht nur geil ist“. Der arme Kerl.

Der weiße, heterosexuelle Mann ist der Prototyp des Menschen. Diese Tatsache arbeitet Passmann sehr gut heraus. Bislang hat er sich deshalb auch nie infrage gestellt oder gar in eine Schublade hat stecken lassen müssen. Eine Frau steht immer auch für die Gruppe der Frauen, so wie ein Schwarzer immer für alle Schwarzen herhalten muss. Das Quantifizieren einer individuellen Handlung kennt der (alte) weiße Mann nicht. „Nur er kann sich erlauben, nach seiner Einzelleistung bewertet zu werden.“

Eine Frau hingegen muss immer etwas beweisen, während „ein weißer Mann nie Opfer von Vorahnungen“ werde. Passmann analysiert auch, dass den alten weißen Mann vor allem sein Habitus ausmacht und dass der amerikanische Begriff des „angry white man“ (wütender weißer Mann) treffender ist. Sie macht nur einen kleinen Fehler und übersieht, dass auch Frauen alte weiße Männer sein können, indem sie die gleiche Haltung einnehmen. Aber da die Männer das Hauptproblem bei der Ungleichbehandlung der Geschlechter sind, darf man das Problem wohl zunächst getrost beiseite schieben.

„Alte weiße Männer“ wird kein Klassiker der feministischen Literatur werden. Es ist mehr Margarete Stokowski als Simone de Beauvoir, aber Passmann unterhält. Und das ist ja für feministische Bücher nicht verboten, auch wenn manch einer das glauben mag.

Und nebenbei liefert Passmann eine ganz praktische Erkenntnis mit. Eine Formel, mit der jeder erkennen kann, ob jemand nun ein alter weißer Mann ist oder nicht. „Männer, die sagen, sie seien unsicher, ob sie ein alter weißer Mann seien, aber man könne das ja mal gemeinsam ergründen, sind keine alten weißen Männer.“ Wer also bereit ist, sich auf eine Debatte einzulassen, wer sich infrage stellt, wer keine Angst vor Machtverlust hat – der gehört zu den „Guten“.

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