Erzählungen „Kaffee und Zigaretten“ von Ferdinand von Schirach

„Kaffee und Zigaretten“ : Anekdotische Erzählungen über die verbliebenen Laster

„Kaffee und Zigaretten“: Das seien die einzigen Laster, denen er noch frönt, sagt Ferdinand von Schirach. In seinem neuen Buch verknüpft der Autor anekdotisch erzählte Fälle aus seiner Zeit als Rechtsanwalt, wie Leser sie aus vorigen Büchern kennen, erstmals mit sehr persönlichen Episoden aus seinem Leben.

Oft drehen sich die kurzen Kapitel um Begegnungen, manchmal sind es Ereignisse aus dem Weltgeschehen, die nichts mit von Schirachs Leben zu tun haben. In den Episoden, die aus seinem Privatleben stammen, wechselt er in die dritte Person, distanziert sich von dem, was geschieht.

Von dem Moment, als der damals 15-Jährige nach dem Tod seines Vaters versucht, sich mit einer Schrotflinte in den Kopf zu schießen. Von der Depression, die, als er 18 Jahre alt ist, bereits den Rest seines Lebens zu verschlingen scheint („Und dann begreift er, dass noch sechzig solcher Jahre vor ihm liegen“). Nimmt er Bezug auf seinen Großvater, NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, formuliert er die Distanzierung direkter: „Vielleicht bin ich auch aus Wut und Scham über seine Sätze und seine Taten der geworden, der ich bin.“

Die Episoden sind lose aneinandergereiht, springen zwischen Schauplätzen und Personen. Zusammenzuhalten scheint viele von ihnen die Frage, ob das, was das Schicksal für uns bereithält, gerecht ist, was „gerecht“ überhaupt heißt. Und dass jeder seinen Frieden mit sich finden muss. Mitunter lädt von Schirach dabei auch Anekdoten mit Bedeutung auf, die in keinem Zusammenhang mit diesen Fragen zu stehen und nicht über ein „auch bemerkenswert oder amüsant“ hinauszugehen scheinen. Und doch gelingt es ihm, an das Ende fast jeden Kapitels, die zum Teil nicht einmal eine Seite füllen, eine leise Pointe zu stellen. Einen Gedanken, der immer dazu bewegt, sofort weiterzublättern – und manches Mal lange im Kopf bleibt.

Am Ende steckt der Autor Unsummen in die Reparatur eines Oldtimers von geringem Wert. „Glück ist eine Farbe und immer nur ein Moment“, schließt Synästhetiker von Schirach. Das steht im harten Kontrast zum dem, was der Autor in seiner Jugend über seine Depression formulierte und lässt den Leser leise zuversichtlich zurück.

(kt)
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