Erzählung „Post mortem“ von Michael Jürgs

„Post mortem“ von Michael Jürgs : Erzählung ohne Selbstmitleid und mit Selbstdisziplin

Michael Jürgs wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. „Mein nun tatsächlich letztes Buch habe ich noch geschafft, bevor ich wieder in die Klinik musste“, schrieb er im Juni an seinen alten Freund, den Hamburger SPD-Politiker Michael Naumann.

Am 4. Juli ist der Autor und ehemalige „Stern“-Chefredakteur gestorben. Es ist ein außergewöhnliches Buch – berührend und sehr persönlich. Es passt nicht in gängige Einsortierversuche der Literaturkritik. Der Verlag hat darauf verzichtet, es als Roman zu klassifizieren, es hat Züge einer fantastischen Erzählung und ist in jedem Fall ein wunderbares Buch.

Ein herausragender Erzähler war Jürgs sein Leben lang, als Reporter, Sachbuch-Autor und als Biograf, der kenntnisreich über so unterschiedliche Persönlichkeiten geschrieben hat wie Axel Springer, Günter Grass und Romy Schneider, immer gleichermaßen klug und unterhaltsam. Dass das kein Gegensatz sein durfte, war ihm ein Credo. Auch daran hat er sich in seinem letzten Werk gehalten.

„Durch die Diagnose Krebs zum Sterben Verurteilte halten das Urteil schockiert zunächst für Fake News“, erzählt Jürgs. „Auch ich zweifelte an den Laborwerten, obwohl ich altersbedingt als Kandidat fürs Sterben geeignet war.“ Jürgs berichtet davon in nüchternem Tonfall, abgeklärt, ohne Selbstmitleid und mit der Selbstdisziplin, die ihn sein Leben lang ausgezeichnet hat.

Mozart, John Wayne, de Gaulle

Jürgs erzählt aus der Perspektive eines Toten aus dem Jenseits, einer Welt, in der man andere Verstorbene sehen kann, die einem im Leben nah waren. Seinen Bruder trifft er dort, der sich selbst getötet hatte. Seiner Mutter begegnet er und seinem Vater, graubärtig und mager. Das Jenseits, das Jürgs durchstreift, ist kein frommes Elysium. Regine Hildebrandt, die an Krebs gestorbene frühere Ministerin in Brandenburg, hält dort streitbare Reden. Der Philosoph Henry David Thoreau wohnt dort in einer Hütte. Jürgs besucht Pablo Picasso, der nach dem Tod wieder angefangen hat zu rauchen. Er trifft Mozart, der gerade eine der Sonatinen spielt, die Jürgs selbst oft geübt hatte. Er plaudert mit Johannes Gutenberg über die Bedeutung des Buchdrucks, er begegnet Karl Lagerfeld.

Und er sieht bei den Dreharbeiten für den Film über eine Gerichtsverhandlung gegen Donald Trump zu. Den Richter spielt Clark Gable, Cary Grant den Staatsanwalt, John Wayne gibt Trumps Verteidiger. Grace Kelly ist Ivanka Trump, Lauren Bacall Angela Merkel. Unter den Geschworenen sitzen Winston Churchill, Charles de Gaulle und Boris Jelzin.

Bei einem Konzert steht Queen-Sänger Freddie Mercury neben Janis Joplin, Jim Morrison, David Bowie, Kurt Cobain, John Lennon und Amy Winehouse auf der Bühne, eine All-Star-Band aus lauter prominenten Toten. Mercury singt „Who Wants to Live Forever?“. Im Epilog schreibt Jürgs: „Nur der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und post mortem erst recht nicht.“ Bei ihm besteht die Fantasie auch im Angesicht des Todes; das zeigt eindrucksvoll sein Buch.

(hei)
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