Ein ergreifender Schwesternroman: Entwurzelt und fremd in New York

Ein ergreifender Schwesternroman : Entwurzelt und fremd in New York

Der Traum von Amerika ist nicht für jeden greifbar. Emotional beschreibt die spanische Autorin María Dueñas den Weg dreier andalusischer Schwestern in „Eine eigene Zukunft“.

„Zur Hölle mit dir und deiner ganzen Sippschaft, weil du dich nie um uns gekümmert hast, weil du uns hierher verschleppt hast.“ Es sind Worte schierer Verzweiflung, die Remedios, die Witwe von Emilio Arenas, mitten auf einer Straße in New York spricht, tausende Kilometer entfernt von der andalusischen Heimat. Der amerikanische Traum ist nicht für jeden greifbar. Schon gar nicht mehr im Jahr 1936, inmitten der Weltwirtschaftskrise. Die spanische Autorin María Dueñas widmet ihren vierten Roman jenen Menschen, „die das Leben in die Emigration trieb“. So wie Emilio, seine Frau Remedios und die drei Töchter Mona, Victoria und Luz.

Das Buch beginnt alles andere als erfreulich: beim Leichenschmaus. Die Frauen der Familie Arenas beklagen den Tod von Ehemann und Vater. Ein tragischer Unfall hat Emilio aus dem Leben gerissen. Im Hafengelände war ihm beim Löschen einer Schiffslieferung eine Palette auf den Kopf gefallen. Geplatzt, der Traum vom schönen Leben in Amerika.

Bevor María Dueñas aber die Geschichte der vier Frauen erzählt, springt sie noch einmal zurück ins Jahr 1929, als Emilio in Big Apple gestrandet war, just vor dem großen Börsenkrach. Die Autorin beschreibt ihn als einen Seemann und Gelegenheitsarbeiter, der anfangs Frachtschiffe entlud, Heilbutt auf dem Markt von Fulton zerteilte und „einen Karren über das Kopfsteinpflaster von Downtown“ schob.

Hoch verschuldet, wenig besucht

Bis ein Unbekannter dem Familienvater das Angebot machte, eine heruntergekommene Gaststätte zu kaufen. Weil die Not in der spanischen Heimat vor Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs groß war, überredete er Frau und Töchter, ihm in die Metropole an der US-Ostküste zu folgen, um mit ihm das Restaurant zu betreiben. Bis ihm die Palette nicht nur den Kopf zertrümmerte, sondern auch die Hoffnungen der Frauen auf ein besseres Leben. Hier beginnt nun der eigentliche Roman.

Als wäre es nicht schlimm genug, dass die Kaschemme hoch verschuldet und wenig besucht ist. Der Leser ahnt Böses: Denn zurück bleiben auch eine heimwehkranke, lebensuntüchtige Witwe sowie drei Töchter, die sich entwurzelt und fremd fühlen in der Großstadt; die sich weigern, Englisch zu lernen und in ihrer Unerfahrenheit nicht einmal wissen, wie man Bus oder Metro fährt. Ihre Welt endet in „Little Spain“ auf der 14. Straße, wo die Spanier Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen, sich in Manhattan niederzulassen.

Seit María Dueñas 2009 mit ihrem Debüt „Das Echo der Träume“ alle Rekorde brach, wird die 55-Jährige in ihrer Heimat „die Königin des spanischen Romans“ genannt. Ihre Bücher werden in 35 Sprachen übersetzt. Ihr neuester, vierter Roman stand monatelang auf Platz 1 der spanischen Bestsellerlisten.

Heimweh, Katastrophen und Hoffnungen sind das, was sich wie ein roter Faden durch ihre Werke zieht. Das setzt sich in „Eine eigene Zukunft“ fort. Auf fast 600 Seiten beschreibt Dueñas die vier Frauen, die alle auf unterschiedliche Weise und schmerzlich ihren Weg in eben jene „eigene Zukunft“ finden müssen: Mutter Remedios klammert sich verzweifelt an ihre Töchter und versucht, das bankrotte Restaurant am Laufen zu halten. Nicht, um in New York endlich Fuß zu fassen, sondern um Geld für die Rückreise nach Andalusien zu verdienen.

Maria Dueñas: „Eine eigene Zukunft“, 587 Seiten, 24 Euro, Insel. Foto: Insel

Luz, die jüngste der Schwestern, lässt sich von dem windigen Talentsucher Kruzan nicht nur verführen, sondern auch grün und blau schlagen, weil sie an die große Karriere als Schauspielerin glaubt. Victoria, die Älteste, heiratet einen doppelt so alten Zigarettenverkäufer, begegnet aber direkt am Hochzeitstagt dessen Sohn und damit der Liebe ihres Lebens. Und da wäre noch Mona, die Geschäftstüchtige, die anfangs eine an den Rollstuhl gefesselte, jähzornige Kleptomanin pflegt und der nicht auffällt, dass deren Neffe, ein Augenarzt, in sie verliebt ist. Eine gute Portion Kitsch darf es schon sein bei María Dueñas.

Bisweilen stellt die Autorin ihre Leser auf eine harte Geduldsprobe. Da werden diverse Nebencharaktere eingeführt, die die Notsituation der Familie finanziell wie zwischenmenschlich ausnutzen. Nicht, dass die detailgetreue und intensive Beschreibung der Charaktere langatmig daher käme. Es sind nur arg viele Wendungen des Schicksals nötig, bis sich das Bild zu einem Ganzen verwebt.

Da taucht aus dem Nichts die rechtskundige Nonne auf, die den Tod des Vaters zu Geld machen will. Da hilft ein wahrhaftiger und ebenso bemitleidenswerter Prinz von Asturien, Alfonso de Borbón, den Schwestern, ihrem Leben die entscheidende Wendung zu geben. Das Ziel: ein Nachtclub. Bei einem Abendessen wird Mona klar: „Bei dem Staub, den er aufwirbelte, wäre er ohne Zweifel ein großartiger Ehrengast bei ihrer Eröffnung.“

Spiel mit dem Trivialen

Letztlich muss der Leser jedoch feststellen, dass dieser Club im Roman nur eine untergeordnete Rolle spielt. Man kann Dueñas verzeihen, denn ihr Spiel mit dem Trivialen ist so unterhaltsam wie eindringlich. Bei den hitzigen Auseinandersetzungen und humorvollen Dialogen der Familie fühlt sich der Leser nah am Geschehen und kommt um ein Schmunzeln nicht herum.

Ohne Klischees bedienen zu wollen: Es ist schon ein Frauenroman, den Maria Dueñas da geschrieben hat. Aber genau richtig für einen Nachmittag auf dem Sofa, während draußen ein Herbststurm tobt.

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