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Roman „Der vergessliche Riese“: Eine heiter-melancholische Reise in die Demenz

Roman „Der vergessliche Riese“ : Eine heiter-melancholische Reise in die Demenz

Kann man über die Demenz-Erkrankung des eigenen Vaters einen Roman schreiben, bei dessen Lektüre der Leser lächeln, manchmal sogar lachen muss? Zieht man damit etwas ins Lächerliche, das für viele Betroffene und ihre Angehörigen viel Leid bedeutet?

Bei David Wagners Buch „Der vergessliche Riese“ stellt sich diese Frage zum Glück erst gar nicht, denn neben seiner leisen Komik bietet er eine große literarische Qualität mit enormer Tiefe.

Wagner schreibt über den eigenen Vater, den „Riesen“ seiner Kindheit. Zweimal verheiratet, ein Frauenheld. Er lebt immer noch in Bonn, David besucht ihn regelmäßig. Und regelmäßig ist die Demenz immer weiter fortgeschritten. Wagner macht in seinem Buch nicht viele Worte darum, große Teile bestehen aus den Dialogen der beiden, aber sie reichen aus, um das zu sagen, was gesagt werden soll.

Es gibt die erwähnten komischen Stellen im Buch: Zum Beispiel jene, als Vater und Sohn in einer Konditorei etwas essen wollen. Der Vater nimmt dort die Lokalzeitung zur Hand. Die hatte er am Morgen schon gelesen, kann sich aber nicht mehr daran erinnern. Erinnern kann er sich aber noch an die Standardfloskel über den fehlenden Neuigkeitswert der Zeitung: „Steht auch immer dasselbe drin.“

Überhaupt, es gibt Sätze, die der Vater ein ums andere Mal sagt: Wenn er wieder einmal mit seiner Vergesslichkeit konfrontiert wird, folgt immer die gleiche resignierte Floskel: „Die Dublanys (also seine Familie) sind sehr intelligent, im Alter werden sie alle blöd.“ Und dass seine beiden Frauen früher gestorben sind als er, bringt ihn zu der ironischen Vermutung: „Ich muss ja schwer auszuhalten sein.“

Im Verlauf des Buches wird der Vater immer vergesslicher: Längst nennt er sein Gegenüber nur noch „Freund“, den Namen seines Sohnes kennt er nicht mehr. Als der Sohn ihm eine Geschichte von früher erzählt und der Vater auch da Gedächtnislücken hat, fordert er den Vater auf: „Das ein oder andere fällt dir schon wieder ein. Du musst dich nur erinnern.“ Der Vater antwortet schlagfertig: „Ach, so funktioniert das, danke. Dann erinnere ich mich eben einfach.“

Zu den ergreifendsten Stellen in diesem heiter-melancholischen Roman zählt die, als der Vater endgültig nicht mehr allein leben kann. Der Sohn macht mit ihm einen Ausflug, es wird ein schöner Tag für die beiden. In dieser Zeit räumen seine beiden Schwestern das Haus aus und bringen die nötigsten Sachen ins Pflegeheim. Auf der Rückfahrt wundert sich der Vater über die andere Fahrstrecke, und als seine Familie ihm seine neue Wohnung zeigt, fragt er: „Und hier soll ich nun wohnen? Wer kümmert sich dann um den Garten? Und ums Haus?“

Am Ende ist nicht mehr viel übrig vom Riesen der Kindheit. Schließlich sagt der Vater zum Sohn: „Und jetzt weiß ich wieder, was ich dich fragen wollte, Freund: Wer sind eigentlich deine Eltern?“

David Wagners Buch ist wichtig, weil es eindrucksvoll beschreibt, wie sich das Verhältnis zu den Eltern im Alter ändern kann. Und vielleicht hat es auch eine ganz einfache Botschaft: Seien wir froh, solange sie noch gesund und bei uns sind!

(kri)