„Das Leben des Vernon Subutex“: Ein Sittengemälde unserer Zeit

„Das Leben des Vernon Subutex“ : Ein Sittengemälde unserer Zeit

Mit „Das Leben des Vernon Subutex“ legt Virginie Despentes die Grande Nation auf die Couch. Doch die Abstiegsgeschichte eines Ex-Plattenladenbesitzers in Paris ist allgemeingültig.

Frankreich ist in Aufruhr. Dass derzeit Menschen in gelben Westen auf die Straße gehen, ist nicht nur den hohen Spritpreisen geschuldet. Mittelschicht und Arbeiter protestieren gegen eine Politik, die sie als ungerecht empfinden. Spätestens seit den Anschlägen auf Charlie Hebdo und das Bataclan herrscht in Frankreich ein Ausnahmezustand, der zum Normalfall geworden ist. In diese Gemengelage zwischen Terror, Erstarken der Rechten und neoliberaler Politik legt Virginie Despentes mit „Das Leben des Vernon Subutex“ den Finger in die Wunde.

Die Französin wurde mit ihrem Roman und den gleichnamigen Film „Baise-moi“ (Fick mich!) bekannt. In Frankreich wird die 49-Jährige für ihre Geschichte rund um den ehemaligen Plattenladenbesitzer Vernon Subutex gefeiert. Zu Recht. Sie liefert damit einen großen, bedeutenden Gesellschaftsroman unserer Zeit. Jetzt ist der dritte und abschließende Teil auf Deutsch erschienen.

Kein geborener Held

Vernon Subutex ist wahrlich kein geborener Held. Der Musikliebhaber hat seinen Plattenladen aufgeben müssen, weil eben kein Mensch mehr Platten kauft. Als ihm auch noch das Arbeitslosengeld gestrichen wird, fliegt er aus seiner Wohnung und kommt zunächst bei alten Freunden unter. Da Vernon aber eben nicht der Macher ist, sondern eher leicht lethargisch alles mit sich geschehen lässt, landet er irgendwann auf einer Pariser Parkbank und lebt als Obdachloser.

Das erste Buch beschreibt den Abstieg der Hauptfigur, dessen Freunde sich eher halbherzig um ihn kümmern. Es fehlt an Solidarität und an der viel beschworenen Brüderlichkeit, die Frankreich stolz zu seinen Prinzipien zählt. Aber auch mit der Gleichheit ist es nicht weit her im Frankreich von heute. Dieses Gefühl vermitteln die Figuren des Romans jede auf ihre Art. Während Pamela Kant, der ehemalige Pornostar, überall erkannt wird und ihre Vergangenheit nicht abstreifen kann, werden die Obdachlosen Charles und Olga von der Gesellschaft nicht gesehen.

Virginie Despentes: „Das Leben des Vernon Subutex 3“, 416 Seiten, 22 Euro, Kiepenheuer & Witsch. Foto: Verlag

Da ist Vernons alter Kumpel Patrice, der seine Frau schlägt, Xavier, der zum Ausländerfeind geworden ist, und Emilie, die auf die 40 zugeht, Single und leicht verbittert ist. Punk und Rock’n’Roll – das war einmal. Heute sind Vernons Freunde zu den engstirnigen Spießern geworden, die sie nie sein wollten. Sie trauern ihrer verlorenen Jugend hinterher, sie vereinsamen, sie sorgen sich vor einem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Auch das schürt Ressentiments – insbesondere gegen Muslime und Ausländer. Sogar der Ruhepol Verbon Subutex schimpft auf das System. Jeder der mehr als zwei dutzend Figuren gibt Despentes den Raum für ihre eigene kleine Polemik. Jedes Kapitel ist aus einer anderen Sicht erzählt. Der Pessimismus allein ist ihnen gemein.

Der Autorin gelingt es in einer pointierten, poetischen und teils gehässigen Sprache, dass man die Motive ihrer Figuren nachvollziehen kann. Die deutsche Übersetzung holpert allerdings an einigen der durchweg umgangssprachlichen Stellen. Es klingt dann manchmal so, als wolle ein erwachsener Mensch besonders cool und jugendlich sprechen. Trotz des kleinen Kritikpunktes: Lesen sollte „Vernon Subutex“ jeder.

Diese Individuen, die unterschiedlicher nicht sein können, bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Vernon Subutex verbindet sie durch die Musik, die er auflegt. Überhaupt spielt die Musik eine wichtige Rolle in den Romanen.

Schroff, scharf, treffend: die französische Schriftstellerin Virginie Despentes. Foto: imago/Agencia EFE/ANDREU DALMAU

Im zweiten Teil der Trilogie avanciert Subutex zu einer Art Heiligen. Er legt bei sogenannten „Convergences“ auf und lässt die Menschen den langweiligen bis deprimierenden Alltag vergessen. Die Gruppe erinnert an eine kleine friedliche Sekte oder Hippie-Kommune. Das hat utopische Züge. Es ist der retardierende Moment vor der Katastrophe, in die diese Geschichte münden muss.

Im letzten Teil der Subutex-Reihe streitet sich die Gruppe wegen eines Erbes, trauert wegen der Terrorattacken, und dann ist da noch die Krimi-Geschichte, die die Basis des Romans ist und ihn zu einem spannenden „Page-Turner“ macht. Aber mehr als das: Despentes fängt mit „Vernon Subutex“ den Gemütszustand einer ganzen Nation ein. Auch wenn es natürlich mitunter sehr französische Anspielungen gibt, lässt sich die gesellschaftliche Entwicklung nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen westlichen Welt beobachten. Das macht den Roman so universell und wichtig.

Despentes steht für einen neuen Realismus in der Literatur. Honoré de Balzac, Mitbegründer des Realismus, schrieb in Abgrenzung zu Dantes „Göttlicher Komödie“ die „Menschliche Komödie“. Bis zu 2000 Figuren tauchen in seinen 90 Romanen auf. Die ganze Wirklichkeit wollte er abbilden. Despentes benötigt nur eine Trilogie, um die menschliche Komödie – oder besser: Tragödie unserer Zeit zu schreiben – als brillantes Sittengemälde.

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