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Die Fotografin und Kriegsberichterstatterin Lee Miller: Ein Leben voller Leidenschaften

Die Fotografin und Kriegsberichterstatterin Lee Miller : Ein Leben voller Leidenschaften

Whitney Scharer gelingt mit ihrem Debüt „Die Zeit des Lichts“ ein facettenreicher Roman über das spannende Leben der Fotografin und Kriegsberichterstatterin Lee Miller.

Es gibt Menschen, deren Leben so spannend ist, dass es eigentlich für fünf Leben reicht. Lee Miller (1907-1977) ist so ein Mensch. Die US-Amerikanerin war Top-Model, Fotografin und Kriegsberichterstatterin. Diese faszinierende Frau erlebte und fotografierte die Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau. Am Tag von Adolf Hitlers Tod stieg Miller in dessen Wohnung in die Badewanne, wusch sich den Dreck des Krieges von ihrem Körper, drapierte ein Bild des Diktators neben die Wanne und ließ sich von ihrem Kollegen fotografieren.

Die US-amerikanische Autorin Whitney Scharer fokussiert sich in ihrem historisch-fiktiven Roman „Die Zeit des Lichts“ weniger auf Millers Zeit als Kriegsberichterstatterin, als vor allem auf die Liebesgeschichte Millers mit dem bedeutenden Surrealismuskünstler Man Ray. Der Leser folgt Miller also zunächst in das Paris der 1930er Jahre, in kleine Bars, in denen man Champagner trinkt und Muscheln isst, zu Soirées, bei denen sich Künstler wie Jean Cocteau und Paul Éluard treffen. Durch Zufall trifft Miller bei einer obskuren Party auf Man Ray, der sich als Retter der von der Situation überforderten Frau aufspielt.

Die Realität sah wohl anders aus. Miller soll gezielt zu dem berühmten Fotografen gegangen sein und sich ihm als Schülerin angedient haben. Scharers Debütroman ist aber auch keine Biografie, sondern historische Fiktion. „Ich beschloss, zu experimentieren und Szenen und Ereignisse zu erfinden, solange sie sich echt im Sinne der Figuren anfühlten“, erklärt sich Scharer im Nachwort des Buches. Ihr Ziel sei es gewesen, Miller als komplizierte Person darzustellen. Das Lee-Miller-Archiv, das den Nachlass der Künstlerin verwaltet, distanziert sich von dem Buch. Wer erwartet, eine umfassende und wirklichkeitsgetreue Biografie Millers zu lesen, wird enttäuscht sein und missversteht Scharers Intention. Sie schreibt eine gute und lesenswerte Geschichte.

Die Autorin zeigt Miller als die junge Frau, die Kunst machen möchte, „statt dazu gemacht zu werden“. En Detail wird beschrieben, wie Miller als Assistentin Man Rays das Fotografieren lernt, wie sie den ersten Abzug eines Bildes in der Dunkelkammer macht. Scharer erklärt den von Miller und Man Ray erfunden sogenannten Solarisationseffekt ausführlich, bei der mit der Belichtung gespielt wird. Miller und Man Ray kommen sich näher und entwickeln eine leidenschaftliche Liebe, die zwischen Millers Vaterkomplex, krankhafter Eifersucht Man Rays und Neugierde Millers für dessen Ex-Freundin zerrieben wird.

Scharer schildert Miller als eine Frau, die „im Grunde jedem Mann gefallen will, der etwas von ihr will“. Sie ist aber nicht nur die schwache Frau, sondern auch die selbstbewusste Künstlerin, die Rays Finanzen regelt und weiß, was sie kann. Es gelingt Scharer durchaus, ein differenziertes Bild zu vermitteln.

Whitney Scharer, „Zeit des Lichts“, 392 Seiten, 22 Euro, Klett-Cotta Foto: Klett-Cotta

Zwischen den ausführlichen Kapiteln über die Jahre in Paris gibt es kleine „Kriegshappen“. Knapp, aber eindrücklich werden Millers Erfahrungen als Kriegsreporterin geschildert. Das wohl größte Verbrechen der Menschheit zwischen eine obsessive Liebesgeschichte zu packen, ist etwas gewöhnungsbedürftig, zumal es keinen offensichtlichen Zweck erfüllt. Ist in der einen Sekunde noch die Rede davon, dass Man Ray Lee Miller küsst, „ein langer tiefer Kuss, als wollte er sie trinken“, so folgt zwei Seiten später Millers Aufenthalt in Saint-Malo 1944, wo in Lees Magen die „kranke Suppe des Hasses zu köcheln“ beginnt.

Scharer liefert einen gelungenen Roman und einen interessanten Einblick in Millers Lebens- und Liebesgeschichte. Sie beschreibt eine zerrissene, interessierte und mutige Frau, die sich emanzipiert. Man kann der Autorin vorwerfen, dass sie das Leben einer spannenden Frau – wie so oft in Büchern und Filmen – anhand der Beziehung zu einem Mann erzählt – und das ohne Not. Lesenswert ist das Buch aber allemal.

Als Kriegsberichterstatterin in Dachau und Buchenwald: Lee Miller. Foto: US Army/wiki commons