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Roman „Metropol“: Ein Leben in Zeiten der Willkür

Roman „Metropol“ : Ein Leben in Zeiten der Willkür

Bei der Durchsicht der Kaderakte seiner kommunistischen Großmutter Charlotte kam dem Buchpreisträger Eugen Ruge die Idee zu seinem aktuellen Roman „Metropol“.

Eugen Ruge ist Mitte 50, da schreibt er seinen ersten Roman. Und noch ehe „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ im Rowohlt-Verlag erscheint, prognostiziert sein damaliger Verlagsgeschäftsführer Alexander Fest vollmundig, dass Ruge mit diesem Buch den Deutschen Buchpreis gewinnen wird.

Ob man es nun Arroganz oder verlegerischen Instinkt nennt: Fest wird Recht behalten, Ruges Roman gewinnt nicht nur den Buchpreis, sondern avanciert zu einem der meist beachteten Romane der jüngeren deutschen Literaturgeschichte. Nach dem Erscheinen des Romans 2011 sieht sich Fest dem Vorwurf ausgesetzt, er habe das Buch mit einem nie dagewesenen Marketing-
einsatz gepusht und ihm quasi künstlich zum Erfolg verholfen. Tatsächlich flattern damals auch in unserer Redaktion gleich fünf (!!!) Rezensionsexemplare unverlangt auf den Tisch. Doch Tatsache ist, dass Ruges Roman, der später mit Bruno Ganz verfilmt wird, vor allem deshalb so erfolgreich ist, weil der Stoff nicht nur besonders, sondern das Buch schlicht und ergreifend exzellent geschrieben ist.

Die Geschichte der Großmutter

Acht Jahre später beweist Ruge mit seinem neuen Roman „Metropol“ auf eindrucksvolle Weise, dass „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ kein Zufallstreffer war. Nicht nur knüpft der neue Roman inhaltlich an das frühere Erfolgsbuch an. Mit „Metropol“ übertrifft sich Ruge selbst, wobei ein Aspekt besonders hervorsticht: Ruge ist in der Lage, einen sperrigen und zähen Stoff so spannend und interessant zu erzählen, wie man es sonst nur aus Krimis kennt. Dabei ist die Geschichte alles andere als ein erfundener Thriller. Was Ruge hier erzählt, ist erlebte Geschichte. Die Geschichte von Ruges Großmutter Charlotte. Ihr Deckname: Lotte Germaine.

„Metropol“ von Eugen Ruge 432 Seiten, 22,95 Euro, Rowohlt. Foto: dpa/---

Wir schreiben das Jahr 1936. Lotte Germaine, eine überzeugte deutsche Kommunistin, ist Nazi-Deutschland gerade noch so entkommen. Ihre neue Heimat ist die Sowjetunion, das Land, von dem sie träumt, das Land, in dem sie sich mit ihren politischen Überzeugungen nicht wird verstecken müssen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann erleben wir Lotte zu Beginn des Buches auf einer Reise durch die neue Heimat. An Bord eines Schwarzmeerdampfers erfährt
sie aus der Zeitung, dass ein guter Bekannter in Moskau angeklagt und zum Tode verurteilt wurde. Der Vorwurf: Gemeinsam mit 15 anderen soll er einen Anschlag auf Stalin geplant haben. Angst macht sich breit. Was würde mit ihr geschehen, wenn ans Licht käme, dass sie eine Bekanntschaft zu dem Volksverräter pflegte?

Dass Lotte und ihr Mann tatsächlich kurz nach der Rückkehr von ihrer Reise ins Visier der Ermittler geraten, zeigt sich, als sie eines Morgens ohne Vorankündigung mit ihrem Mann aus dem Wohnblock ausziehen muss, in dem sie mit anderen Mitarbeitern des Nachrichtendienstes der Komintern untergebracht war. Eine neue Bleibe findet das Ehepaar im „Metropol“. Das Hotel, das einst einen sehr guten Ruf genoss, bietet jedoch keinen Luxus, sondern ein einfaches Zimmer, in dem Lotte und ihr Mann ab sofort unter strenger Kontrolle leben. Permanent werden sie bespitzelt, ständig müssen sie beachten, was sie wem sagen.

„Metropol“ ist ein Buch über politisch Verfolgte, über die Qualen der Verdächtigungen, denen sie ausgeliefert sind. Und es ist ein Buch über Willkür, politischen Terror, Denunziation und Verrat. Irgendwer wird Lotte und ihren Mann irgendwann verraten. Bis dahin sitzen sie im Hotel, harren der Dinge, können nichts dagegen tun.

Ruges Roman widmet sich nicht nur den Opfern, sondern auch einem Täter: Wassili Wassiljewitsch Ulrich, der als oberster Militärrichter mehr als 30 000 Todesurteile unterschrieben hat. Wir lernen ihn als Privatmann kennen, als Ehemann, der mit seiner Frau Urlaub macht und Schmetterlinge jagt. Zu sehen, dass so ein Fiesling auch menschliche Züge hat, ist nicht leicht zu ertragen. Ein bisschen fühlt man sich an Harry Mulischs Roman „Siegfried“ erinnert, in dem Adolf Hitler als Privatier auf dem Obersalzberg beschrieben wird.

Während man „Metropol“ liest, diese gespenstische Geschichte über das Leben von Ruges Großmutter, die schon im Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ eine zentrale Rolle spielte, denkt man an die DDR, an die Bespitzelungen durch die Stasi. Und man denkt auch, wie es möglich sein kann, dass Menschen sich diesen Staat zurückwünschen. Wie gut, dass Eugen Ruge die Erinnerungen an erlebtes Unrecht aufrechterhält.