„Was ist so schlimm am Kapitalismus?“: Die Streitschrift eines zornigen Mannes

„Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ : Die Streitschrift eines zornigen Mannes

Der weltbekannte Soziologe und ehemalige UN-Diplomat Jean Ziegler erklärt in einem Buch seiner Enkelin Zohra, was schlimm am Kapitalismus ist und warum er zerstört werden muss.

Er hat immenses Elend gesehen – vor allem während seiner achtjährigen Tätigkeit als Sonderberichterstatter der Vereinten Nation für das Recht auf Ernährung. Trotzdem ist Jean Ziegler Optimist geblieben. Er glaubt weiter an die Veränderbarkeit der Welt, an Humanität und Gerechtigkeit. Nahezu euphorisch begrüßt der weltbekannte Soziologe aus der Schweiz deshalb die Jugendbewegung „Fridays for Future“. In ihr sieht er eine revolutionäre Kraft. Sie stärkt seine Hoffnung, dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte ist.

Der mittlerweile 85 Jahre alte Ziegler gilt als Stimme der Armen und Schrecken der Mächtigen. Auch, weil er ein Mann der klaren Sprache ist. Von ihm stammt der Satz: „Jedes Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Täglich seien es Zehntausende, sagt der Wissenschaftler, obwohl „unser Planet vor Reichtum überquillt“ und allen Menschen problemlos ein Leben ohne Not garantiert werden könnte.

Kapitalistische Profitgier

Schuld an dem Verbrechen ist in den Augen von Ziegler der Kapitalismus. Er habe zu einem „unablässigen Krieg der Reichen gegen die Armen geführt“. Zornig verweist Ziegler darauf, dass 2017 die 85 reichsten Milliardäre der Welt so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besaßen, darunter zwei Milliarden Menschen, die in fürchterlichem Elend zu überleben versuchen. Zornig betont er, dass die „kapitalistische Profitgier die Umwelt zerstört, Böden, Flüsse und die Meere vergiftet sowie das Klima schädigt“.

Dieser Befund ist aus dem Mund von Ziegler nicht eben neu. Schon seit Jahrzehnten schreibt er gegen die bestehenden Verhältnisse, gegen die „kannibalistische Weltordnung“ an. Sein neues Buch „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ ist eine weitere bemerkenswerte Streitschrift. In ihr schildert Ziegler die Ursprünge unseres Wirtschaftssystems, beschreibt, wie es sich global durchgesetzt hat, und betont – auch durchaus anerkennend – dessen ungeheuere Dynamik und Kraft zu wissenschaftlichen sowie technischen Innovationen. Trotzdem kommt er in seiner Analyse zu dem Schluss, dass dieses System gerade angesichts der heute herrschenden „neoliberalen Wahnideen“ mit ihrer „Erhebung der Marktkräfte zum Naturgesetz“ eine tödliche Gefahr für Mensch und Umwelt sei.

Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus? 126 Seiten, 15 Euro, Bertelsmann Verlag. Foto: Bertelsmann

Für reformierbar hält Ziegler den Kapitalismus nicht. Ihn zu humanisieren sei unmöglich. „Solange das Profitmaximierungssystem alles beherrscht, gibt es keinen Ausweg“, sagt Ziegler. Deshalb fordert er eine „radikale Zerstörung“ des Kapitalismus. Zumal in Wahrheit doch niemand in einer Gesellschaft leben wolle, „die sich damit abgefunden hat, eine Milliarde Menschen als Abfall zu betrachten“.

All das klingt nach schwer lesbarer Kost. Zieglers Buch glänzt jedoch durch große Leichtigkeit. Grund ist ein literarischer Kniff. Der Soziologe hat den Text in dialogischer Form aufgebaut. Als erfahrener alter Mann antwortet er auf die bohrenden Fragen seiner jungen, neugierigen Enkelin Zohra. Das zwingt ihn zu hoher Präzision und Verständlichkeit.

Auf einen Einwurf seiner Enkelin kann Ziegler allerdings nur vage antworten. Was kommt nach dem Kapitalismus, was ist die Alternative? Der Wissenschaftler weiß es nicht. Doch das ist für ihn kein Problem. Auch beim Sturm auf die Bastille, dem Ausgangspunkt der französischen Revolution, habe niemand der Beteiligten klar und schlüssig vorhersagen können, wie es weitergehen würde, sagt Ziegler.

Hoffnung auf die Zivilgesellschaft

Für ihn ist allein schon die Revolte gegen Elend und Ausbeutung, der Kampf für eine bessere Welt entscheidend. Sie sei das treibende Moment der Geschichte. Genau deshalb bewundert Ziegler „Fridays for Future“. In der Bewegung sieht er den Teil eines neuen historischen Subjekts, nämlich der internationalen Zivilgesellschaft mit ihren unterschiedlichsten Widerstandsformen „Der Aufstand des Gewissens ist überall zu beobachten, Millionen Menschen sind erwacht“, glaubt Ziegler. Nein, entmutigen lässt er sich nicht. Gebe es keine Hoffnung, sagt der 85-Jährige, könne man sich doch gleich aufhängen.

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