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Frankfurt/Main: Die Geschichte einer Ausgrenzung

Frankfurt/Main : Die Geschichte einer Ausgrenzung

Deniz Ohdes Debüt „Streulicht“ ist das zärtliche Porträt einer dysfunktionalen Familie und eine Abrechnung mit den Versprechungen des deutschen Bildungssystems.

Die gebürtige Frankfurterin Deniz Ohde hat es mit ihrem ersten Roman gleich auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. „Streulicht“ heißt das viel beachtete Debüt. Ohde schreibe „mit bestechender Klarheit über einen Teil der Gesellschaft, der sonst viel zu selten zu Wort kommt“, lobte die Jury für den Buchpreis den Roman. Sie gebe Einblick in eine Welt, „die sonst hinter den Türen zugerümpelter Mietwohnungen verborgen bleibt“, und schaffe es dabei aber auch, „ganz ohne Klischees und didaktischen Zeigefinger auszukommen“.

Wer das Rhein-Main-Gebiet kennt, erkennt die Schauplätze wieder, auch wenn „Der Ort“ im Buch nicht genannt wird. Es ist der Frankfurter Stadtteil Sindlingen, ein Arbeiterviertel im Westen der Metropole. Auf der einen Seite der Industriepark Höchst, auf der anderen die Müllverbrennungsanlage, darüber der Fluglärm. 1996 hatte sich hier an Heiligabend eine Frau in der Dorfkirche in die Luft gesprengt.

Lektionen früh gelernt

Die namenlose Ich-Erzählerin wächst in einem Haushalt auf, den man gemeinhin bildungsfern nennt: Der Vater ist Arbeiter im Industriepark, die Mutter stammt aus der Türkei. Nach innen führen sie eine wortkarge Ehe, nach außen geht es vor allem darum, nicht aufzufallen. „Das ganze Leben meines Vaters war eine einzige Ersatzhandlung“, sagt die Protagonistin, „eigenes Wollen war für ihn nicht denkbar gewesen“.

Deniz Ohde: „Streulicht“, 284 Seiten, 22 Euro, Suhrkamp Foto: Suhrkamp

Ihre Klassenkameraden lernen Ballett und Reiten, bekommen von den Eltern Ermutigung und Anregung – die Ich-Erzählerin lernt zu lesen, wie schief der Hausfrieden hängt: wie viel der Vater getrunken hat, wie schlecht es der Mutter geht, wie hoch sich der Müll beim Großvater stapelt. Was zu Hause überlebenswichtig ist, hilft in der Schule nichts. Die Freundinnen schwärmen für die blauen Augen des Lehrers, „ich sah nur die Raster in seinen Augen, durch die ich gefallen war und immer noch fiel“.

Hausaufgaben macht sie auf einem Plastikhocker bei laufendem Fernseher, die Tische sind mit Dingen übersäht, die der Vater nicht braucht, aber auch nicht wegwerfen kann. Als auf dem Schulhof „das K-Wort“ fällt, sagt die Mutter: „Du kannst nicht gemeint sein. Du bist Deutsche.“ Das Kind lernt seine Lektion früh: so still sein wie möglich, immer das Richtige tun und sagen, sich anpassen, ein dickes Fell wachsen lassen. Regel Nummer eins lautet: Nie den ersten, den türkischen Vornamen nennen. „Es war ein geheimer Name, dessen Klang mich in der Außenwelt in Schmutz verwandelt hätte.“

Deniz Ohde hat mit ihrem Debüt „Streulicht“ einen Bildungsroman im doppelten Sinne geschrieben.  Foto: dpa/Helmut Fricke

„Streulicht“ ist ein Bildungsroman im doppelten Sinne. Es geht um die (Aus-)Bildung einer Persönlichkeit, aber auch um das Bildungssystem – oder vielmehr dessen Versagen. „Niemand hatte sich je die Zeit genommen, den Scheffel ausfindig zu machen, unter dem mein Licht stand“, blickt die Ich-Erzählerin als Erwachsene auf ihre Schulzeit zurück. „Der Scheffel war der Satz selbst.“

In einem vom Suhrkamp Verlag publizierten Video erklärt Ohde ihren Ansatz: „Mich hat interessiert, wie sich strukturelle Diskriminierung in einer konkreten Biografie zeigt – und wie sich das in der Innenwelt eines Menschen niederschlägt in der Weise, dass nicht nur gegen Institutionen angekämpft werden muss, sondern auch gegen die inneren Schranken, die sich dadurch bilden.“

Der Ich-Erzählerin gelingt die Wende, sie holt auf dem zweiten Bildungsweg das Abi-
tur nach – mit eiserner Disziplin. „In jeder Sekunde hatte ich das Gefühl, etwas verteidigen zu müssen, etwas unter Beweis stellen zu müssen.“ Als sie bei der Zeugnisvergabe als eine der Jahrgangsbesten genannt wird, klang in ihren Ohren ihr Name „durch den Raum wie ein schlechter Witz“.

Im Studium setzt sie ihre Strategie fort, kopiert andere, ohne sich zugehörig zu fühlen. „Wie mit zu großen Schuhen stak-
ste ich in ihrer Begriffssuppe herum.“ Sie studiert Germanistik. „Mein Eindruck ist, das braucht man nicht“, sagt der Vater. „Sieh zu, dass Du ins Brot kommst.“ Wie viel Deniz Ohde in der Ich-Erzählerin steckt, kann man nur mutmaßen. Parallelen gibt es. Ohde wurde 1988 in Frankfurt geboren und studierte Germanistik in Leipzig, wo sie heute lebt.