Der ungeliebte Großschriftsteller und sein umfangreiches Werk

Neue Gesamtausgabe im Surhkamp-Verlag : Zwölfeinhalb Kilogramm Peter Handke

Kaum ein Autor ist so wunderbar abweisend und so herrlich fern von allen Moden wie Peter Handke. Der Suhrkamp-Verlag würdigt den 76-Jährigen Schriftsteller mit einer neuen Gesamtausgabe.

Neulich sah man mal wieder ein Bild von ihm in der Zeitung. Den Blick nachdenklich zur Seite gerichtet, die Hände in den Taschen, steht Peter Handke in jener Allee, die zu seinem Haus in Cheville unweit von Paris führt. Handke trägt die typische Weste über einem hellen Baumwollhemd. Anders als so hat man den Schriftsteller in den vergangenen Jahren nicht mehr gesehen. Handke, der umstrittene österreichische Großschriftsteller, der Einsiedler, der konsequente Verweigerer all dessen, was ihn vom Schreiben abhalten könnte.

Hin und wieder, nur sehr selten, taucht der inzwischen 76-Jährige wie aus dem Nichts auf und gibt einer Printzeitung ein Interview, zumeist Seiten füllend, in dem konkreten Fall der Wochenzeitung „Die Zeit“. Neben seinen regelmäßigen Veröffentlichungen sind diese gelegentlichen Interviews Lebenszeichen, die er sendet und durch die er zu sagen scheint: Schaut her, ich brauche das alles nicht, ich brauche euch nicht. Aber ihr solltet wissen, dass es mich noch gibt. Und ihr solltet wissen, dass ich vieles von dem, was ihr zum Leben braucht, rundweg ablehne.

Wenn Handke sich äußert, dann ist es meist, als äußere sich ein Angewiderter, ein Motzkopf, der derbe Worte nutzt und selten (nie?) sympathisch rüberkommt. Einem wie ihm könnten niemals die Herzen zufliegen. Er wollte das aber auch nicht. Wahrscheinlich wäre es das schlimmste überhaupt für ihn.

Und doch ist etwas an diesem undurchdringbaren Handke, das einen wanken lässt in der Grundskepsis und irgendwie einnimmt für diesen fremdartigen Charakter. Es ist die Idee vom Menschen als vollendetem Schriftsteller, die er in einer hochtechnisierten und digitalisierten Welt am Leben hält. Sein Schreiben in der Abgeschiedenheit, weit weg von den Menschen. Sein Schreiben von Hand mit dem Bleistift in kleine Notizhefte. Sein Schreiben in der Natur. Seine konsequente Absage an alle kommerziellen Belange. Seine strikte Weigerung, die Erwartungen der Leserinnen und Leser zu erfüllen. Seine nicht verhandelbare Existenz als kolossaler Schriftsteller.

Wollte man das vorliegende Gesamtwerk Handkes in Gänze lesen, dann wäre man, das hat der Journalist Arno Widmann errechnet, gut beschäftigt. Widmann schrieb in der „Frankfurter Rundschau“: „Mehr als 11 000 Seiten. Ich schaffe etwa 30 Seiten in der Stunde. Also brauche ich mindestens 366 Stunden. Wenn ich jeden Tag zehn Stunden lang nichts als Handke läse, wäre ich mehr als 36 Tage beschäftigt. Selbst für jemanden, der nichts als Rentner ist, wäre das ein gewaltiger Einsatz.“

Man muss ja nicht alles lesen, was dieser Handke in seinem Leben geschrieben hat. Das Schöne an einer Werkschau wie dieser ist ja, dass man gezielt noch einmal ein Buch zur Hand nehmen kann, das man vor langer Zeit gelesen hat. Es ist spannend, zu beobachten, wie sich die Zweitlektüre eines Handke-Buches von der Erstlektüre unterscheidet, zumal, wenn viele Jahre dazwischen liegen. Ist das Erlebnis ein anderes, weil man selbst ein anderer geworden ist?

Ob Prosa, Gedichte, Theaterstücke, Filmerzählungen oder Aufsätze: Die Suhrkamp-Bibliothek enthält alles, was Handke während seines gesamten Schreiberlebens jemals in Buchform veröffentlicht hat. Die prächtige Gestaltung trägt der Bedeutung des Autors Rechnung, allein der Anblick vermittelt dem Betrachter das Gefühl, etwas von Wert und Bedeutung im Regal stehen zu haben. Ist das, was Handke geschaffen hat, tatsächlich bedeutend? Sein österreichischer Landsmann und Schriftstellerkollege Franzobel ist nicht sicher. „Er ist ein Genie darin, die Welt glauben zu machen, er sei ein Genie. Ob er es tatsächlich ist? Zumindest schaut er lässig aus – im Alter.“

Wie könnte man einen Text über Handke schreiben, ohne daran zu erinnern, wie nachhaltig sich der Österreicher für eine gerechte Beurteilung Serbiens und für den ehemaligen serbischen Präsidenten Milosevic eingesetzt hat, dessen Beisetzung der Autor im Jahr 2006 sogar beiwohnte. Es kann und darf keinen Text über Handke ohne den Verweis auf diese politische Irrfahrt geben, mit der er sich lange Zeit und in gewisser Weise bis zum heutigen Tag ins Abseits gestellt hat. In dem oben erwähnten Interview in der „Zeit“ vom 25. April verteidigt Handke einmal mehr seine damalige Haltung. Er habe, sagt er, gar nicht für Serbien gesprochen, er habe lediglich gefragt, warum Deutschland und Österreich wie in den alten Zeiten wieder zusammengehen mit Kroatien. Das liest sich so, als wolle Handke doch ein bisschen zurückrudern. Der Makel aber haftet nach wie vor an ihm. Und das wird so bleiben.

Die gesammelten Werke von Peter Handke, erschienen im Suhrkamp-Verlag. Foto: Suhrkamp-Verlag

Mitleid muss man natürlich nicht mit Handke haben. Mitleid ist eh keine Vokabel, die zu ihm passt. Selbst, wenn er einem politisch wie literarisch ein Fremder bleibt, eines ist unbestritten: Mit ihm wird ein völlig humorloser Schriftstellertyp aussterben, den es in der Form wahrscheinlich nicht mehr geben wird. Das ist es am Ende vielleicht, was ihn zu Lebzeiten so anziehend macht.

Die Peter-Handke-Bibliothek:

„Werkgruppe I“, Bände 1-9, Prosa, Gedichte, Theaterstücke, Filmerzählungen,
Suhrkamp,
7008 Seiten, 198 Euro

„Werkgruppe II“, Bände 10-11, Aufsätze, Suhrkamp, 1784 Seiten, 68 Euro

„Werkgruppe III“, Bände 12-14, Journale, Suhrkamp, 2632 Seiten, 89 Euro

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