„Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam“: Der Sport, das Geld und die Moral

„Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam“ : Der Sport, das Geld und die Moral

Kein anderer Fußballklub in Deutschland liefert so verlässlich Schlagzeilen wie der FC Bayern. Hans Woller nimmt mit seiner Gerd-Müller-Biografie den Aufstieg des Vereins unter die Lupe.

Jetzt hat auch Uli Hoeneß sein Amt als Präsident des FC Bayern abgegeben – einer aus der Generation, die den Fußballverein aus München zu dem gemacht hat, was er heute ist: deutscher Dauermeister und Topklub in Europa. Zufall oder nicht: Pünktlich zu dieser Zäsur ist Hans Wollers Biografie über Gerd Müller erschienen. Mit ihm fing in den 60er Jahren alles an. Wenn „der Gerd“ nicht gewesen wäre, so befand Bayern-Ikone Franz Beckenbauer, müssten sich die Spieler des FCB immer noch in einer Holzhütte umziehen.

Woller sprach mit frühen Weggefährten Müllers aus dessen Heimatstadt Nördlingen, mit Mitspielern und Kollegen wie Sepp Maier oder Hermann „Tiger“ Gerland. Er las die unveröffentlichten Memoiren des damaligen Präsidenten Wilhelm Neudecker, durchforstete Bestände des Amtsgerichts München und des Archivs für Christlich-Soziale Politik bei der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung.


Eng verbandelt mit der CSU


Er habe, so sagte Woller in einem „Zeit“-Interview, am Beispiel Müllers beschreiben wollen, wie sich der Sport veränderte mit Blick auf Geld, Medien und Medizin. „Und dann bin ich durch eine Reihe von Zufällen mitten im bayerischen Amigo-System gelandet.“ Während Müller, der „Balletttänzer“ mit den „Beton-Oberschenkeln“, durch die gegnerischen Abwehrreihen wirbelte, versuchten Neudecker und sein „kongenialer Partner“ Robert Schwan, den Spielbetrieb bei den notorisch klammen Bayern zu finanzieren.

Die Vereinsführung setzte Freundschaftsspiele im In- und Ausland an; ein Großteil der Erlöse wurde den Spielern schon auf den Rückflügen ausgezahlt – bar und am Fiskus vorbei. Mit „dicken Bündeln“ seien sie zurückgekehrt, erinnerte sich Beckenbauer später. „Politischen Begleitschutz“ bei allfälligen Zollkontrollen erhielt die Mannschaft von Erich Kiesl (CSU) aus dem bayerischen Innenministerium. „Ich bin der Staatssekretär Kiesl, und das ist der FC Bayern München. Also lasst uns durchgehen.“

Das Foto zeigt ihn im Jahr 2013. Foto: imago/DeFodi/imago sportfotodienst

Sport und Politik spielten sich die Bälle zu. „Die Bayern haben verstanden, dass die CSU wertvoll sein könnte, und andersherum“, umschreibt Woller das Verhältnis. „Franz Beckenbauer sagte, der Kanzler Willy Brandt sei ein ‚nationales Unglück‘. Uli Hoeneß lud Franz Josef Strauß zu seiner kirchlichen Hochzeit ein, danach hielt Strauß in einem Klub spätnachts eine launige Rede.“

Und Müller? Ließ es weiter müllern auf dem Platz und außerhalb. 1967 trat der Stürmer mit Torwart Sepp Maier in dem Lausbubenfilm „Wenn Ludwig ins Manöver zieht“ in Erscheinung. Im selben Jahr versuchte er mit „Raba da da“ in der Schlagerwelt musikalisch zu punkten. 1969 kam mit „Dann macht es bumm“ der wohl nachhaltigste Erfolg auf diesem Feld. Wenig später stieß, wie Woller schreibt, mit Charly Mrosko, Uli Hoeneß oder Paul Breitner ein neuer Spielertyp zu den Bayern. „Aufstiegsbesessene Individualisten“, die vor allem eines wollten: „in kurzer Zeit viel Geld verdienen und in der Öffentlichkeit etwas gelten“.

Hans Woller: „Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam“,352 Seiten,22.95 Euro, C.H. Beck. Foto: Beck


Tragisches Karriere-Ende


Früh zeigte sich beim FC Bayern die Zukunft des Fußballs – inklusive einer ärztlichen Behandlung des kickenden Personals, die sich „zumindest im Graubereich des medizinisch Gebotenen und gesetzlich Verbotenen bewegte“. Es ist diese doppelte Ebene, die das Buch des Historikers Hans Woller, von 1994 bis 2015 Chefredakteur der renommierten „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“, so lesenswert macht – neben der tragischen Lebensgeschichte von Müller, der zeitweilig dem Alkohol verfiel, mit Hilfe von Hoeneß und anderen der Sucht entkam und inzwischen dement in einem Pflegeheim lebt.

Der „Bomber der Nation“ verliert sich selbst; Fußballfreunden bleibt er unvergessen. Und es bleibt die Frage, wohin die Reise für den Sport geht. „Fußball ist das letzte gemeinsame Lagerfeuer der modernen Gesellschaft“, schrieb der neue DFB-Präsident Fritz Keller unlängst in der „Welt“. Angesichts von Jubelberichterstattung im Fernsehen, Weltmeisterschaften im Winter, horrenden Spielergehältern sowie Filz und Korruption auf allen Ebenen springt der Funke aber immer seltener über.

Genau deshalb sei es nötig, ethische Themen stark zu machen und sich nicht nur vom dem Bemühen beherrschen zu lassen, „den Geldzufluss immer weiter zu steigern“, so der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Mitglied der DFB-Ethik-Kommission, Nikolaus Schneider. Auch für eine solche Debatte liefert Wollers Müller-Biografie Denkanstöße.