Der neue Roman von Joël Dicker ist einfach nur schlecht

Der neue Roman von Joël Dicker : Überflüssig wie ein Kropf

Wie konnte es passieren, dass Joël Dicker, der uns „Die Geschichte der Baltimores“ schenkte, einen der schlechtesten Romane der jüngeren Vergangenheit geschrieben hat?

Die großen Rezensionen auf az-web.de und an-online.de sind selten Verrisse, sondern meistens wohlwollende Leseempfehlungen. Die Idee, die diesem Prinzip zu Grunde liegt, ist folgende: Warum sollte man Büchern, die man für wenig gelungen erachtet, allzu viel Raum geben? Schlechte Bücher verdienen es nicht, in epischer Breite besprochen zu werden. Sie sind es nicht wert. Da müssen dann schon mal 30 Zeilen reichen.

Das also ist die Grundidee. Und sie macht in gewisser Weise Sinn, da sich die regelmäßigen Leserinnen und Leser darauf verlassen dürfen, dass das entsprechend groß besprochene Buch tatsächlich eine ehrlich gemeinte Empfehlung darstellt. Ob die Leserinnen und Leser nach der Lektüre des Buches ebenso begeistert sind wie die Rezensenten, steht auf einem anderen Blatt. Letztlich ist alles Geschmacksache.

An dieser Stelle durchbrechen wir das Grundprinzip und stellen einen richtig schlechten Roman vor. Wenn sich der Literaturkritiker als jemand begreift, der im Dienst des Publikums steht, dann darf man den folgenden niederschmetternden Verriss als eine ernst gemeinte Warnung verstehen: Bitte lassen Sie die Finger von diesem Roman, Sie vergeuden nur kostbare Zeit. Dieser Roman ist es nicht wert, gelesen zu werden. Dieser Roman ist nicht spannend. Und er ist nicht originell. Dieser Roman ist nicht bewegend. Und er ist noch nicht mal unterhaltend. Er ist nichts von alledem. Es könnte kaum ein schlimmeres Urteil geben. Aber dieser Roman ist tatsächlich mies.

Der Titel des Buches sei einmal erwähnt, aber nur, um der Chronistenpflicht Genüge zu tun. Danach können Sie ihn gleich wieder vergessen. Sie sollten sich den Titel nicht merken, schon gar nicht auf die Idee kommen, sich das Buch zu kaufen. Sparen sie das Geld, machen sie etwas Sinnvolles damit. Kaufen Sie sich ein paar Tafeln Schokolade. Gehen Sie ins Kino. Alles besser als dieser Roman.

Der Titel lautet: „Das Verschwinden der Stephanie Mailer.“ Es handelt sich um einen Krimi. „Vier Menschen werden an einem schönen Sommerabend brutal ermordet. Zwanzig Jahre später: Die junge Journalistin Stephanie Mailer stellt zu viele Fragen und verschwindet. Was ist ihr zugestoßen? Und was hat sie herausgefunden?“ Mit diesem Text auf der Rückseite wirbt der Verlag für das Buch. Monatelang hat es unter den Top 10 der französischen Bestellerliste gestanden. Das sagt nichts Gutes über die Qualität der französischen Bestsellerliste.

Der Autor des Roman ist kein geringerer als der Schweizer Joël Dicker. Und genau das macht es so schlimm. Man kann sich einfach nicht erklären, dass derselbe Joël Dicker, der den wundervollen Roman „Die Geschichte der Baltimores“ geschrieben hat, zu einem derartigen Blödsinn in der Lage ist. Man will das nicht wahrhaben, ehrlich gesagt, es macht fassungslos und fast ein bisschen wütend. Wütend, weil man weiß, dass Dicker es so viel besser kann als in diesem überflüssigen Buch, das so plump daherkommt, dass es weh tut. Dicker scheint sein Interesse an den eigenen Romanfiguren völlig verloren zu haben. Sie interessieren ihn nicht. Sie bleiben nicht blass, sondern kalkweiß. Wenn es so etwas gibt, wie das Gegenteil von „Liebe zum Detail“, dann ist es dieser Roman. Grob geschnitzt wäre noch eine sehr freundliche Untertreibung.

Machen wir also aus der Not eine Tugend und nutzen, da wir uns schon mit Joël Dicker beschäftigen, die Gelegenheit, um noch einmal ausdrücklich an jenes „Die Geschichte der Baltimores“ aus dem Jahr 2017 zu erinnern. Das ist ein Roman, wie er im Buche steht! Ein Roman, der jede Zeile lohnt. Und der es verdient hätte, hier in epischer Breite vorgestellt zu werden. Und das „Verschwinden der Stephanie Mailer“? Vergessen. So schnell wie möglich vergessen!

Joël Dicker: „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ (2019) Piper Verlag, 672 Seiten, 25 Euro

Joël Dicker: „Die Geschichte der Baltimores“ (2017) Piper Verlag, 512 Seiten, 24 Euro

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