Der Fall Claas Relotius aus der Sicht von Juan Moreno

Der Fall Claas Relotius : Eine Presseschau des Grauens

Der Fall des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius hat die Fundamente der Medienrepublik erschüttert. Sein Gegenspieler Juan Moreno schildert den Kampf gegen die gefälschten Storys.

Das Buch sei „keine Abrechnung“, weder mit dem „Spiegel“, noch mit seinen damaligen Chefs oder Claas Relotius. „Spiegel“-Autor Juan Moreno beschreibt in „Tausend Zeilen Lüge“, wie er die Machenschaften seines Ex-Kollegen enttarnte. Der Name Relotius steht für einen der größten Skandale im deutschen Nachkriegsjournalismus. Jahrelang hat der heute 33-Jährige für seine gefeierten Reportagen Szenen, Ereignisse, ganze Existenzen erfunden. Vor allem für den „Spiegel“, aber nicht nur. Angesichts der Fülle der betroffenen Medien beschreibt Moreno eine Presseschau des Grauens.

Auf 280 Seiten berichtet er von dem langen und schwierigen Weg, der schließlich im Dezember zur Enttarnung von Relotius führte. Vieles davon ist bereits bekannt, doch liefert Moreno als direkt Beteiligter jene entscheidenden Details, die seine Schilderung immer wieder zu einem spannenden Krimi werden lassen.

Weite Teile des Buches befassen sich mit der schwierigen Entstehung und den dramatischen Folgen der Reportage „Jägers Grenze“, die Moreno und Relotius zusammen verfassen sollten. Die Story hatte zwei Blickwinkel. Morenos Part bestand darin, in Mittelamerika einen Flüchtlingstreck Richtung US-Grenze zu begleiten. Relotius sollte auf der anderen Seite eine paramilitärische Bürgerwehr ausfindig machen, selbst ernannte Wächter der Grenze zwischen den USA und Mexiko.

Der Reporter-Kollege Juan Moreno hat die gefälschten Storys des mehrfach ausgezeichneten Journalisten aufgedeckt. Foto: imago/Metodi Popow/imago stock&people

Moreno bekommt früh Zweifel an dem, was Relotius als Recherche präsentiert. Fotos stimmen nicht, Identitäten passen kaum zueinander, geschilderte Ereignisse wirken für befragte Experten unglaubwürdig. Doch jeder neue Hinweis Morenos auf Ungereimtheiten bei Relotius an die gemeinsamen Vorgesetzten in Hamburg scheint nur deren Unzufriedenheit zu erhöhen. Die Chefs glauben Moreno nicht, stehen zu ihrem vermeintlichen Star-Reporter Relotius. Moreno bleibt dran, recherchiert hinter Relotius her. „Ich war wie besessen“, beschreibt sich Moreno selbst.

Erst viel später wird der „Spiegel“ vom „wunderbaren Misstrauen des Juan Moreno“ schreiben. Es gelang ihm schließlich aufzudecken, dass der Relotius-Teil der trotz der vehementen Bedenken veröffentlichten Geschichte weitgehend erfunden war. „Es ist schlimmer als jeder Alptraum“, heißt es laut Moreno nun im Ressort.

Moreno hat als freier Autor keine Absicherung. Sein Vertrag mit dem „Spiegel“ kann jederzeit gekündigt werden. Aus Morenos Sicht waren die Reaktionen auf seine Vorwürfe gegen Relotius, der als Ressortchef in die Leitungsebene der Redaktion aufrücken sollte, nicht unbedingt absehbar. „Ich ahnte, dass Relotius als netter Kerl galt. Aber mir war völlig unklar, wie beliebt und wie wichtig er für das Ressort war. Ich hatte mir den denkbar schlechtesten Verdächtigen ausgesucht.“

Relotius setzte nach Morenos Schilderung systematisch auf Auslandsthemen, Einsätze im Inland wollte er nicht. Die Basis für Journalismus ist Vertrauen, von Kollegen, von Lesern. „Mehr Vertrauen als bei kaum überprüfbaren Auslandsreportagen aus Krisengebieten ist kaum denkbar. Ein ideales Feld, um dieses Vertrauen zu missbrauchen.“

Juan Moreno: „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ 288 Seiten, 18 Euro, Rowohlt . Foto: Verlag

„Berufsskeptiker umtänzelt“

Der „Reporter-Populist“ (Moreno über Relotius), der mehr als 40 Journalistenpreise gewann, lieferte einfache, plausible Geschichten – nur halt erfunden. Erstaunlich erscheint bis heute, warum das Kartenhaus nicht früher in sich zusammenfiel, auch wenn es mitunter knapp gewesen sein muss. „Relotius war von Berufsskeptikern umgeben. Sie alle hatte er über Jahre mühelos umtänzelt“, schreibt Moreno. Und: „Ganz gleich wie groß die Gefahr schien, am Ende gelang es ihm immer, sie zu bannen.“

Der „Spiegel“ hat die Affäre unter anderem in einer umfangreichen Dokumentation und neuen Arbeitsabläufen aufgearbeitet. Es gab auch personelle Konsequenzen: Anders als geplant rückte Ullrich Fichtner nicht in die Chefredaktion des gedruckten Magazins, Matthias Geyer wurde nicht Blattmacher. Beide waren Vorgesetzte von Relotius, galten als seine Förderer, beide reagierten lange nicht auf Morenos Zweifel.

Moreno nimmt das Magazin, für das er weiter arbeitet, trotz seiner Erfahrungen in Schutz. „Der ,Spiegel’ ist keine Fälscherbude. Relotius ist ein Fälscher.“ Und die Folgen? „Im Haus ist man heute weitestgehend der Meinung, man sei mit einem blauen Auge davongekommen. Ob das wirklich stimmt, wird die Zeit zeigen.“

Mehr von Aachener Nachrichten