Das Buch von Johan Harstad ist überwältigend

„Max, Mischa und die Tet-Offensive“ : Verdammt dick, verdammt gut

„Max, Mischa & die Tet-Offensive“ von Johan Harstad ist mit seinen 1248 Seiten nicht nur ein beeindruckender Wälzer. Dieses Buch ist vor allem eine literarische Sensation.

„Das ist ein tolles Buch, hätte aber gut und gerne ein paar hundert Seiten kürzer sein können.“ Dieser bei Rezensionen oder Gesprächen über Bücher inflationär benutzte Satz, ist oft nur eine hohle Phrase. Ehe man nichts sagt, sagt man lieber, dass Buch habe Längen. Dabei ist es so einfach mit den Büchern: Entweder sie gefallen einem oder nicht. Und wenn sie einem gefallen, können sie gar nicht genug Seiten haben. Wie in diesem Fall: ein Buch, das allen, die leidenschaftlich gerne lesen, sehr ans Herz gelegt sei.


Guter Freund


Max wächst mit seinen Eltern und seiner Schwester in Norwegen auf. Hier führt er das Leben eines ganz normal heranwachsenden Jugendlichen. Er ist durchschnittlich beliebt bei seinen Mitschülern und hat einige sehr gute Freunde, mit denen er in der freien Natur mit Vorliebe Szenen aus dem Vietnamkrieg nachspielt. Jungs tun solche Dinge, ballern wild durch die Gegend und bringen sich gegenseitig um, wenn auch nur mit Spielzeuggewehren. Ob sie jemals damit aufhören werden?

Eigentlich läuft alles rund im Leben von Max Hansen – bis auf die Tatsache, dass sich seine Eltern nicht mehr verstehen. Der Traum von der Familien-Idylle bekommt noch in dem Einfamilienhaus in Stavanger erste Risse und zerplatzt vollends, als der Vater, ein Pilot, einen Job bei einer amerikanischen Airline annimmt und die Hansens in die Vereinigten Staaten übersiedeln. Max muss seine Freunde und die Heimat zurücklassen. Wird er in den USA neue Freunde finden? Kann man seine Heimat einfach austauschen?

In der neuen Umgebung hat Max zunächst größte Anpassungsschwierigkeiten. Sein Vater ist nur noch unterwegs (vorzugsweise in der Luft und in Schlafzimmern anderer Frauen), seine Mutter hat genug mit sich selbst zu tun, und seine Schwester ist ihm eh ziemlich egal. Alles ändert sich, als er Mordecai kennenlernt, der schnell Max‘ bester Freund wird. Beide verbindet die Liebe zur Schauspielerei; Max macht später Karriere als Regisseur, Mordecai wird ein bekannter Schauspieler. Durch Mordecai lernt Max die sieben Jahre ältere Mischa kennen, eine bildende Künstlerin. Max verliebt sich auf Anhieb in Mischa; obwohl er es nicht für möglich hält, wird seine Liebe erwidert.


Alter Onkel


Dieser Roman ist ein Künstlerroman par excellence. Wer mit den Themen Malerei, (Jazz-)Musik und Theater nichts anfangen kann, der wird es nicht leicht haben mit der Lektüre. Doch viel mehr als das ist dieser Roman ein Buch über Freundschaft, Liebe, Familie und das, was alternativ entstehen kann, wenn Familie nicht mehr existiert. Auch Cineasten dürften Geschmack an diesem Buch finden, insbesondere, wenn sie sich für die Kunst von Francis Ford Coppola und dessen Meisterwerk „Apocalypse Now“ aus dem Jahr 1979 interessieren, dessen Handlung während des Vietnamkriegs spielt.

Johan Harstad: „Max, Mischa und die Tet-Offensive“. 1248 Seiten, 34 Euro, Rowohlt Verlag. Foto: rowohlt

Max und Mordecai lieben den Film – umso mehr, als sie eines Tages Owen kennenlernen, einen Vietnam-Kriegsveteranen und Onkel von Max, der sich mit dessen Vater vor langer Zeit zerstritten hat. Max, Mischa und Mordecai besuchen Owen in Manhattan, freunden sich mit ihm an und ziehen schließlich im berühmten Apthorp-Building bei ihm ein. Die Beschreibung des Alltagslebens in dieser doch eher ungewöhnlichen Wohngemeinschaft gehört vielleicht mit zum Besten, was man in der zeitgenössischen Literatur finden kann. Am liebsten würde man auf der Stelle die Koffer packen, nach New York reisen und selbst einziehen in diese wundervolle WG, in der die Bewohner in einer Art und Weise zusammenleben, wie man es sich menschlicher, großmütiger und respektvoller nicht vorstellen kann. Hier, in dieser Umgebung, so scheint es, findet Max am Ende doch noch eine neue Heimat.

Das Buchcover ist eine cineastische Verbeugung: Es zeigt die US-amerikanische Schauspielerin Shelley Duvall, die in Deutschland besonders in der Rolle der Wendy in Stanley Kubricks Film „The Shining“ (1980) bekannt geworden ist. Max hat ein Faible für Duval. Die Art und Weise, in der Johan Harstad das Außergewöhnliche an dieser eher gewöhnlichen Schauspielerin herausarbeitet, zeigt die große Könnerschaft des Autors. Harstad ist ohnehin ein Virtuose, der die vielen Fäden dieser Geschichte traumwandlerisch sicher zusammenhält. So ein Buch schreibt man nur, wenn man einen exakten Plan ausgetüftelt hat. Es zeugt von Harstads Talent, dass diese atemberaubende Geschichte nichts Konstruiertes hat.


Großer Zauber


Zu behaupten, dass nur die dicken Bücher gute Bücher sind, ist natürlich Quatsch. Es gibt aber Geschichten, die lassen sich nicht auf 120 Seiten zwischen zwei Buchdeckel pressen. Geschichten, die mehr Raum zum Atmen nötig haben, die sich ausbreiten müssen, um zur vollen Entfaltung zu gelangen. Die unbestrittene Qualität von Thomas Manns „Der Zauberberg“ hat ja auch mit der Quantität zu tun. Johan Harstads Roman ist weit davon entfernt, ein „Zauberberg“ zu sein. Doch ein großer Zauber geht allemal aus von diesem sensationellen Buch. Nach 1248 Seiten ist Schluss. Der Abschied von Max, Mischa, Owen und Mordecai fällt nicht leicht. Man hat schließlich einige Wochen mit ihnen gelebt. Obwohl man noch nicht genug hat, sieht man ein, dass es genau hier enden muss. Nicht eine Seite zu viel. Und nicht eine zu wenig. Ein Meisterwerk – kein kleines.

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