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Buch: Brexit-Satire "Die Kakerlake" von Ian McEwan

Brexit-Satire von Ian McEwan : Kafkas „Verwandlung“ andersrum

Der Autor Ian McEwan lässt in seiner Brexit-Satire eine Kakerlake in die Haut des britischen Premierministers schlüpfen – sprachlich elegant, aber ohne großen Aha-Effekt.

Es geht nicht um Wahrheit. Es geht nur um das, was die Menschen oder ein Teil von ihnen – der entscheidende Teil – glauben wollen. Deshalb sind Populisten notorische Lügner. Deshalb haben sie weder Anstand noch Moral, deshalb zählen für sie weder Gepflogenheiten noch Regeln. Deshalb treten sie das mit Füßen, was Generationen von Wissenschaftlern seit der koperni­kanischen Wende an Erkenntnissen gewonnen haben. Deshalb geben sie auf die immer komplexeren Herausforderungen einer globalisierten Welt eindimensionale Antworten. Deshalb sprechen sie von alternativen Fakten und „fake news“. So setzen sie ihre Interessen durch. So sichern sie ihre Macht.

Was bleibt den Wahrhaftigen, den Rechtschaffenen? Sie können sich empören, sie können protestieren. Sie können verzweifeln, oder sie versuchen es mit Satire wie der britische Autor Ian McEwan, der mit der Novelle „Die Kakerlake“ schon sein zweites Werk in diesem Jahr nach dem im Frühjahr erschienenen „Maschinen wie ich“ vorlegt.

McEwan hat mit Romanen wie „Amsterdam“ (1998) oder „Abbitte“ (2001) Welterfolge gefeiert und wurde vielfach ausgezeichnet. Mit Werken wie „Solar“ (2010) oder „Kindeswohl“ (2014) hat er sich in der jüngeren Vergangenheit auch aktuellen politischen und ethischen Debatten gewidmet. Zuletzt trat der inzwischen 71-Jährige immer wieder als entschiedener Brexit-Gegner in Erscheinung. In Interviews hat er mehrfach seine Fassungslosigkeit über das Referendum vom 23. Juni 2016 und einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zum Ausdruck gebracht und das zunehmende politische Chaos in seinem Land mit wachsender Bestürzung zur Kenntnis genommen.

Ian McEwan: „Die Kakerlake“ , 144 Seiten, 19 Euro, Diogenes Verlag . Foto: dpa/-

Doch wie lässt sich ein solcher Stoff für einen Romancier fassen? McEwan hat sich mit dieser Frage schon seit längerem beschäftigt, bis er im Sommer dieses Jahres Franz Kafkas „Die Verwandlung“ entdeckte und sich von der Erzählung inspirieren ließ.

Beide Geschichten beginnen im Bett. Doch während Kafka seine Hauptfigur Gregor Samsa eines Morgens als „Ungeziefer“ im Körper eines Insekts erwachen lässt, dreht McEwan die Geschichte um und lässt seine Kakerlake als britischen Premier Jim Sams im Amtssitz an der Downing Street Nummer 10 in London das Tageslicht erblicken. Mit dieser Verwandlung wird aus dem bis dahin etwas unscheinbaren und wankelmütigen Sams ein knallharter und zu allem entschlossener Machtpolitiker. Seine Mission: den Willen des Volkes umsetzen. Und der heißt Reversalismus.

Hinter dem etwas sperrigen Begriff verbirgt sich die Umkehr des Geldflusses. Anstatt für Waren zu bezahlen, sollen die Menschen in den Geschäften den Warenwert obendrein ausbezahlt bekommen, wenn sie etwas mitnehmen. Je mehr sie konsumieren, desto mehr Geld haben sie also. Da aber der Besitz größerer Mengen Geldes verboten ist, müssen sie sich eine Arbeit kaufen, um das Geld wieder loszuwerden. Dass der Streit darum das Land spaltet: Die Kritiker werden schon sehen. Dass Wissenschaftler darin einen ökonomischen Selbstmord sehen: und wenn schon. Dass es gravierende Probleme bei der Außenwirtschaft geben wird: geschenkt.

Entschiedener Brexit-Gegner: Autor Ian McEwan schreibt sich seinen Frust mit einer Satire von der Seele. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa/Bernd von Jutrczenka

Um die Sache durchzusetzen, zettelt Sams mithilfe der anderen Kakerlaken in seinem Kabinett (es gab offensichtlich gleich mehrere Verwandlungen) eine diplomatische Eskalation mit dem eigentlich befreundeten Frankreich an. Er zwingt seinen einzigen Widersacher in der Ministerriege, Außenminister Benedict St. John, mit einer infamen Intrige zum Rücktritt. Und er verbündet sich mit dem amerikanischen Präsidenten Archie Tupper („Die Dinge ein bisschen aufmischen finde ich immer gut. Der EU so richtig auf die Nerven gehen.“). Ist auch der eine Kakerlake? Schließlich schreckt Sams nicht davor zurück, die übermächtige Opposition im Parlament mit einem hinterhältigen Trick auszuhebeln – „ein rechtsstaatlicher Skandal, eine Schande“. Konsequenzen? Natürlich keine.

McEwan bringt seine Geschichte gewohnt gekonnt und sprachlich elegant zu Papier. Das Wort ­Brexit taucht auf den schlanken rund 140 Seiten ebenso wenig auf wie die Namen Boris Johnson oder Donald Trump, und doch sind Parallelen zum realen Geschehen nicht zu übersehen. Genau darin liegt aber bei aller Unterhaltsamkeit die Schwierigkeit dieser Novelle. Denn das reale Geschehen erscheint an sich schon so sehr als Satire, dass man McEwans „Kakerlake“ gar nicht mehr als absurde Überhöhung wahrnimmt. Man beendet das Buch ein wenig achselzuckend, ein Aha-Effekt bleibt aus, neue Erkenntnisse gibt es nicht.

Darüber hinaus ist auch das Bild der Kakerlake als solches fragwürdig. Denn anders als Kafkas „Ungeziefer“, das zum drastischen Ausdruck der geplagten Existenz Gregor Samsas wird, hat McEwans „Kakerlake“ doch eindeutig – und für Mc­Ewan erstaunlich plump – diffamierenden Charakter. Speziell in Deutschland wecken solche Ungeziefer-Metaphern allerdings böse Erinnerungen, auch wenn sie in diesem Fall auf unsympathische Populisten angewendet werden.