Biografie von Thomas Karlauf: "Stauffenberg - Portrait eines Attentäters"

Biografie über den Hitler-Attentäter : Nicht immer im Widerstand

Seit Anfang Juli 1944 war der Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg mehrmals mit seiner Aktentasche voll Sprengstoff bei Hitler am Obersalzberg oder in der Wolfsschanze in Ostpreußen.

Immer gab es Hindernisse – unter anderem, weil wider Erwarten SS-Führer Heinrich Himmler oder Reichsmarschall Hermann Göring nicht anwesend waren, die ebenfalls beseitigt werden sollten.

Erst am 20. Juli zündete die Bombe und dann auch nur zur Hälfte mit einem der beiden mitgebrachten Sprengsätze. Den anderen hatte der kriegsverletzte Stauffenberg mit nur einer Hand und nur drei Fingern mit einer Flachzange nicht mehr scharf machen können. So schildert Thomas Karlauf die dramatischen Ereignisse mit einer differenzierten und teilweise auch kritischen Sicht auf die Verschwörer. Sprengstoffexperten stimmten heute darin überein, schreibt Karlauf, dass bei einer doppelten Ladung keiner der Anwesenden in Hitlers Baracke überlebt hätte.

Auch in Stauffenbergs Doppelfunktion als Attentäter „vor Ort“ und Organisator und damit wichtiger „Generalstabsplaner“ des Staatsstreiches sehen die Forscher eine große Schwachstelle in der gesamten Planung. Aber am Ende scheiterte der Putsch nach Darstellung Karlaufs nicht an entschiedener Gegenwehr des NS-Regimes, sondern am Widerstand beziehungsweise Richtungsstreit in den eigenen Reihen mit entsprechenden Zeitverzögerungen, auch zwischen der Militäropposition und den zivilen Widerstandsgruppen um Carl Goerdeler und anderen Protagonisten. Das schildert Karlauf mit vielen Details.

Das Buch geht auch ausführlich auf die anfängliche Hitler-Gefolgschaft und Begeisterung Stauffenbergs und anderer Verschwörer über die ersten Kriegserfolge ein. Viel Neues offenbart Karlauf allerdings nicht, die NS-Vergangenheit vieler Widerstandskämpfer, die in den ersten Nachkriegsjahren in der Bundesrepublik zunächst kaum eine Rolle spielte, wird auch in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendlerblock nicht verschwiegen und wurde spätestens zum 60. Jahrestag des Attentats 2004 thematisiert.

Vorbereitete Aufrufe

Im Bendlerblock hatte auch der damalige Bundespräsident Joachim Gauck am 70. Jahrestag des Attentats daran erinnert, dass es noch in den 50er Jahren in der jungen Bundesrepublik viele gegeben habe, die die Männer um Stauffenberg weiterhin als Landesverräter diffamierten. Im Verschwörerkreis stand seinerzeit auch die Streitfrage im Mittelpunkt, ob der „Tyrannenmord“ im 20. Jahrhundert überhaupt gerechtfertigt sei und ob die deutsche Bevölkerung trotz schwerer Kriegsleiden dahinterstehe. Stauffenberg war aber zu der festen Überzeugung gekommen, so Karlauf, dass ein Regime erst einmal gestürzt werden muss, bevor man ein besseres an seine Stelle setzen kann.

Henning von Tresckow, seit 1941 in den Widerstandskreisen aktiv und von vielen als Herz und Motor des Widerstands gegen Hitler bezeichnet, meinte, Hitler müsse „wie ein toller Hund erschlagen werden, weil er die Menschheit gefährdet“.

In seiner Biografie über den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg eröffnet Thomas Karlauf eine diffenziert-kritische Sicht auf den Kreis der Verschwörer. Foto: Blessing

Trotz aller Bedenken hätte selbst zu dem relativ späten Zeitpunkt das massenhafte Morden und Sterben aufgehört, wie es der Wehrmachtsoffizier und Mitverschwörer Philipp von Boeselager nach dem Krieg formulierte. Karlauf schildert ausführlich die Überlegungen der Verschwörer für ein „neues Deutschland“ nach Hitler. In den vorbereiteten Aufrufen, die beim Staatsstreich verbreitet werden sollten, war von einer „neuen Ordnung“ die Rede, mit Recht und Gerechtigkeit für alle Deutschen, der „Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts“ als wichtigste Aufgabe des neuen Staates, allerdings auch von „naturgegebenen Rängen“. Stauffenberg hatte früher die Überzeugung geäußert, dass die Deutschen den geschichtlichen Auftrag hätten, Europa zu führen, um das abendländische Erbe zu retten.

In der vorbereiteten „Regierungserklärung“ der Verschwörer für die Zeit nach dem Umsturz wird die sofortige Beendigung der „unmenschlichen und unbarmherzigen“ Judenverfolgung angekündigt, die Konzentrationslager sollten aufgelöst, Schuldige bestraft werden. Kriegshandlungen dienten nur noch der „Verteidigung des Vaterlandes“ und nicht mehr „der Eroberungssucht und dem Prestigebedürfnis eines Wahnsinnigen“. Man lehne „feige Beschimpfungen des Gegners“ ab, denn „echtes Christentum“ verlange auch „Duldsamkeit gegenüber den Andersgläubigen“.

Ähnliche Zielsetzungen

Karlauf geht ausführlich auf die geistige Entwicklung und gleichzeitige militärische Karriere Stauffenbergs, einem Nachkommen Gneisenaus, ein. und verliert sich teilweise in militärischen Details. Bis in die Kriegsjahre hinein hätten sich die politischen Zielsetzungen der Brüder Stauffenberg mit denen der Nationalsozialisten wie der Mehrheit des Adels und des Militärs gedeckt, betont Karlauf. „Beim Heer mied man das Wort Republik, wo man nur konnte.“ Auch zu den antisemitischen Maßnahmen und schließlich Pogromen der Nazis sei keine einzige Aussage Stauffenbergs überliefert, „die quellenkritischer Prüfung standhält“.

Stauffenberg erkannte seine eigene Verantwortung in der Schlüsselstellung beim Oberkommando des Heeres und bewies laut Karlauf „ein hohes Maß an Konsequenz und Nervenstärke“ – wohl auch im Bewusstsein, dass er „als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird“, wie Stauffenberg wenige Tage vor dem Attentat gesagt haben soll. Am Vorabend des 20. Juli 1944 ging der gläubige Katholik in die Rosenkranz-Basilika in Berlin-Steglitz. In der Nacht zum 21. Juli wurde er zusammen mit anderen Verschwörern im Hof des Bendlerblocks in der heutigen Stauffenbergstraße standrechtlich erschossen. Stauffenberg wurde 36 Jahre alt.

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