Biografie „Georg“ von Barbara Honigmann

Vater „Georg“ : Biografie zeichnet kleine aber wichtige Geschichten auf

Schon lange ist Barbara Honigmann – Autorin, Regisseurin, Dramaturgin – für ihre leisen, subtilen und eindringlichen Bücher bekannt. Es sind die kleinen und doch so wichtigen Geschichten, die sie gerne erzählt. Und das tut sie mit großer Grandezza!

Nun nimmt sie sich der Biografie ihres Vaters Georg an. Eigentlich hat sie sich gewünscht, dass er selber mal ein Buch über sein bewegtes Leben geschrieben hätte. Das hat er dummerweise nicht getan, aber für die Autorin ist die Aufarbeitung offensichtlich wichtig. Es ist ja auch einiges in Georgs Leben passiert. Schon das liebevoll gestaltete Cover mit einem Foto des gutaussehenden Georg lädt zum Lesen ein.

Honigmanns Vater wirkt melancholisch und erscheint uns trotzdem flirtend – eine hinreißende Kombination. Vier Mal hat der charismatische Mann geheiratet. Die Autorin ist die Tochter aus seiner zweiten Ehe. Vaters Liebe hat sie durchaus begleitet, aber einfach war es mit ihm sicherlich oft nicht. Ein jüdischer Mann, eine jüdische Familie – in der Zeit des Nationalsozialismus!

Den sehr gebildeten und begabten Journalisten verschlug es rechtzeitig nach Großbritannien, wo er arbeiten und schreiben konnte – frei und unzensiert. Dort beschäftigte er sich mit den Thesen des Kommunismus’, die ihn begeisterten. Fazit: Er verlässt das geliebte England und reist in die Sowjetunion. Dort lebt er bis zur Gründung der DDR.

Am Aufbau eines neuen Zeitungswesens in Ostdeutschland will er mithelfen. Ehefrau Nr. 3 ist Schauspielerin; so gerät er auch in den Sog des Theaters. Vor allem politisches Kabarett reizt ihn. Zunächst sind die Bemühungen von Erfolg gekrönt. Später wird er zermürbt und enttäuscht von der gnadenlosen Zensur in der DDR, die ein selbstbestimmtes Arbeiten unmöglich macht.

Georg führte ein spannendes Leben – mit einigen Höhen und vielen Tiefen. Barbara Honigmann hat aus dieser Geschichte fast etwas zu wenig gemacht. Das Buch rührt an, aber es macht nicht aufrührig, kommt gelegentlich etwas zu brav daher. So viel Respekt vor dem Vater? Aber wer es mit den sehr leisen Tönen mag, kann und wird die Lektüre sicher genießen.

(sul)
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