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Selbstzweifel überwunden: Bela B hat seinen ersten Roman „Schwarnow“ geschrieben

Selbstzweifel überwunden : Bela B hat seinen ersten Roman „Schwarnow“ geschrieben

Bela B ist ein Drittel der Rockband Die Ärzte, seit 2006 auch Frontmann seiner eigenen Bands, Schauspieler, Synchronsprecher, Drehbuchschreiber, die Stimme unzähliger Hörbücher und ausgewiesener Sammler von Musik- und Filmdevotionalien.

Mit seinem Roman „Schwarnow“ gibt er jetzt seinen Einstand als Buchautor. Darin erzählt der ausgewiesene Individualist vom Mikrokosmos Kleinstadt und gibt vermeintlich unscheinbaren Gestalten eine Lebensbühne. Politisch, sinnlich, spannend, voller Hingabe zur Spezies Mensch und ohne Stereotype, skizziert er damit das Kleine im Großen. Wie er, der Vielseitige, seinen Bammel vor dem Verfassen seines Romandebüts überwand, erzählt er im Interview mit Michael Loesl.

Bela B, hören Sie schon die Unkenrufe: „Nun schreibt er auch noch!“?

Bela B: Tja, was will ich denn noch alles machen? Einen Tiefseetauchgang? Oder ins All fliegen? Oder will ich vielleicht ein Soziales Netzwerk erfinden, auf dem sich alle treffen und lieb haben?

In Ihrem Debütroman „Scharnow“ treffen einige Protagonisten im japanischen Restaurant „Rumble Fish“ aufeinander, und eine Heldin der Geschichte hört Siouxsie & The Banshees. Wollte der Musik- und Film-Liebhaber Bela B dem Romanautor nicht gänzlich das Feld überlassen?

Bela B: Das Buch steckt nicht voller Querverweise, aber das reale Leben, in diesem Fall mein reales Leben, darf darin natürlich hin und wieder gestreift werden. Ich bin ein Fan-Boy und als solcher ist es mir ein Vergnügen, gelegentlich Hinweise zu streuen.

Frank Zappa sagte, dass das Lesen ihn schläfrig werden ließ und er die Welt lieber aus eigener Erfahrung kennenlerne. Sind Sie nicht auch eher ein Abenteurer, der die Selbsterfahrung der sekundären Erfahrung vorzieht?

Bela B: Ich habe immer gelesen, allerdings hatte ich lange Zeit meinen Lebensumständen entsprechend das Material selektiert. Als juveniler Punk- und Gothic-Verehrer, war das Gesamtwerk von H.P. Lovecraft mein Lesestoff. Dann aber auch die „Illuminatus!“-Roman-Trilogie, die wunderbar einherging mit meinem damaligen Drogenkonsum. Lesen und Erleben ergaben eine Einheit. Comics lese ich nach wie vor mit Vorliebe. Und seit ein paar Jahren lese ich deutlich mehr Bücher, auch bedingt durch die Hörbücher, die ich vertont habe.

Haben die auch den Wunsch gefördert, selbst einen Roman zu verfassen?

Bela B: Nein, dazu führte die Anfrage eines kleinen Verlages aus Österreich. Man wollte etwas Autobiografisches von mir publizieren, wonach mir aber nicht der Sinn stand. Schließlich begann ich damit, meinen Debüt-Roman zu schreiben. Und davor hatte ich dermaßen Respekt, dass ich sehr lange und sorgfältig daran arbeitete.

Hatten Sie Angst vor dem Scheitern?

Bela B: Ich habe vieles immer einfach gemacht und nicht lange darüber nachgedacht. Meinem Gang ans Set folgte meine Schauspielerei, der ich immer wieder sehr gerne nachgehe. Auch meine Tätigkeiten als Synchron- und Hörbuchsprecher waren Versuche, die mir mal sehr große Erfolge und dann auch wieder Rückschläge bescherten. Ein Buch schreibt man aber nicht mal eben spontan. Ich musste meine Selbstzweifel als Roman-Autor vergleichsweise oft überwinden.

Es ist ehrenwert, dass die überaus erfolgreiche Bühnenfigur Bela B, die eigentlich darauf pfeifen könnte, ob Ihr Roman gelesen wird oder nicht, viel Liebe in das Buch-Projekt investiert hat. Hat letztlich das Feinsinnige in Ihnen beim Schreiben gewonnen?

Bela B: Stephen Kings Buch über das Schreiben hat mir beim Überwinden der Furcht vor dem Scheitern als Buchautor geholfen. Und auch die Lust darauf, es zu versuchen, gewann schließlich. Angst vor dem Scheitern spielte keine Rolle mehr, als ich Dreiviertel des Buchs geschrieben hatte. Es ging mir auch nicht darum, mit dem Buch erfolgreich zu sein. Ich wollte etwas schaffen, auf das ich stolz sein kann. Zwischendurch fragte ich mich trotzdem immer wieder, ob ich das wirklich ernst meinte, was ich geschrieben hatte. Erst in den letzten Monaten, nach unfassbar viel investierter Arbeit, schlich sich der erhoffte Stolz schließlich ein.

Was haben Sie während des Schreibens über Ihren eigenen Duktus und die deutsche Sprache gelernt?

Bela B: Es war spannend, jeder Figur in meinem Roman einen individuellen Duktus verliehen zu haben. Über mich lernte ich dabei, dass ich scheinbar zur multiplen Sprache fähig bin. Diese Fähigkeit konnte ich während des Schreibens verfeinern. Dass der Vokabel Scheme das Genom „der“ vorangeht, gehört für mich auch zum Gelernten. Ich kann jetzt, nach der Recherche zum Buch, auch jedem, der darüber nachdenkt, sich einen Hund anzuschaffen, wärmstens einen Portugiesischen Wasserhund empfehlen. Der haart nämlich nicht. Das muss man nicht wissen, aber ich werde es mein Leben lang nicht mehr vergessen. Bis mein Gedächtnis von Demenz heimgesucht wird.

Jetzt kokettieren Sie aber mit Ihren jungen 56 Jahren.

Bela B: Nein, ich bediene mich des Sarkasmus in der Auseinandersetzung mit meinem Alter. Und, im Gegensatz zu Harald Juhnke, tauschte ich den Sport gegen starke Exzesse ein, was vielleicht ein wenig helfen wird, nicht so bald der Vergesslichkeit anheim zu fallen.

Die Ärzte auf der Bühne: Farin Urlaub (v.l.), Bela B und Rod Gonzales. Foto: dpa/Axel Heimken

Dabei bricht gerade Demenz Mauern des Selbstschutzes ein.

Bela B: Solange man Menschen um sich hat, die einem helfen, die eigene Würde zu wahren, wäre der Zustand vielleicht auch erträglich. Aber wie viele solcher Menschen gibt es?

Die Menschen, die in „Scharnow“ leben, sind im Kleinstadtmief beheimatet. Was fasziniert den glamourösen Bela B an Kleinstädtern?

Bela B: Meine erste Band als Solomusiker hieß Los Helmstedt. Das war eine Verbeugung vor dem Kleinstädtischen, das ich während meiner Jugend in Berlin-Spandau kennengelernt hatte. Die Siedlung in meinem Roman, in der die Leute des Pakts der Glücklichen wohnen, war in meinem Kopf immer die Siedlung, in der ich groß geworden bin. Das war sozialer Wohnungsbau, das waren Zweckbauten.

Tristesse messen Sie dem nicht bei?

Bela B: Nein, die vermeintliche oder tatsächliche Tristesse meiner frühen Lebensumstände hatte mich von Las Vegas träumen lassen. Die hauptberufliche Pornodarstellerin in meinem Roman, die in gewisser Weise glamourös ist, weil sie sich aufbrezelt für ihren Job, sehnt sich nach einer Normalität abseits ihres Berufes. Deswegen zog sie nach Scharnow.

Und kaum wohnt sie dort, wird einer ihrer Nachbarn von einem Buch ermordet.

Bela B: Das ist die vermeintliche Realität, die sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht. Der Grobschlächtigste des Pakts der Glücklichen, der zu gleichen Teilen aus einem Alkoholiker und einem Schwerkriminellen besteht, hat keine Probleme mit einem Transsexuellen, was ihn selbst verwundert und erfreut. Mich interessieren die Figuren abseits ihrer gesellschaftlichen Konformitäten, deren sich auch die Aussätzigen bedienen.

Reden Sie gerade auch ein Stück weit über sich selbst?

Bela B: Na ja, klar, ich habe mich beim Entwickeln meiner Romanfiguren immer wieder beim Nutzen stereotypischer Denkmuster ertappt. Allerdings habe ich es tunlichst vermieden, Moral zu verteilen.

Die Machenschaft in der Weltpolitik, im Gesellschaftspolitischen, die Intrigen, den Neid, die Verschwörungstheorien versetzen Sie zurück in ihren Ursprungszustand, in den Mikrokosmos Kleinstadt. Betreiben Sie mit Ihrem Roman auch etwas Aufklärerisches?

Bela B: Nein, den Anspruch habe ich gar nicht. Aber das Spiel mit dem Mikrokosmos als Spiegel des Makrokosmos reizte mich in der Tat. Meine Figuren sind Individualisten. Die leben viel individualistischer, als unsere Gesellschaft es uns zugesteht.

Die Bilder, die Sie im Roman zeichnen, wie das Phosphorleuchten in den Augenhöhlen einer ermordeten Figur, wirken teils überaus plakativ. Hatten Sie das Gefühl, mithalten zu müssen mit den Extremen, derer sich die Literatur immer selbstverständlicher bedient?

Bela B: Es ist schon gewagt, etwas so explizit darzustellen wie in der Szene, die Sie gerade zitiert haben. Aber am literarischen Extremismus möchte ich nicht teilnehmen. Es machte mir hier und da schlicht Spaß, einen Roman einen Roman sein zu lassen.

Sie fragen sich, ob Sie vielleicht zu gewagt geschrieben haben, während ein großes deutsches Nachrichtenmagazin romanartige Erzählungen als Realität verkaufte. Wie weit kann das Verwischen dessen, was ist, gehen?

Bela B: Wir leben wirklich in einer verqueren Welt. In den 80er Jahren habe ich mit großer Lust noch Verschwörungstheoretiker-Magazine wie „Weekly World News“ gelesen, die ich als Satire empfand. Darin brachte eine Frau ein Acht-Kilo-Auge zur Welt, und Elvis Presley war auf einer einsamen Insel gesichtet worden. Der wirklich irre Herausgeber des Blattes vertrat die Ansicht, dass jedem selbst überlassen sein sollte, was Realität ist. Wir haben einen amerikanischen Präsidenten, der denkt, dass sein Wahn Realität zu sein hat. Und nun schaffen sich auch hochangesehene Journalisten ihre eigenen Storys und werden dafür mit Preisen belohnt. Erinnern Sie sich noch an die Hitler-Tagebücher? Das war sogar Stoff für einen Film.

Apropos Film. Alle guten Romane werden irgendwann verfilmt. Stünden Sie als Darsteller für die Verfilmung von „Scharnow“ zur Verfügung?

Bela B: 404 Seiten eignen sich eher für eine Serie, denke ich. Wenn ein Filmproduzent darüber nachdenkt, meinen Roman zu verfilmen, werde ich mich nicht querstellen. Aber zuerst freue ich mich darüber, dass einer mehr mein Buch gelesen hat.