Autobiografie „Die einzig mögliche Zeit“ von Wolfgang Joop

Autobiografie von Wolfgang Joop : Welt der Fashion-Ikonen, Haute-Couture-Legenden und Laufsteg-Sirenen

Da jammert nicht einer dem Glamour glorreicher Zeiten hinterher, sondern legt milde Selbstironie an den Tag: „Das, was die Töchter treiben... ja, da staunen die beiden alt gewordenen Kinder. Wir, die wir niemals erwachsen sein wollten, werden nun vom Alter zurechtgewiesen.“

Womit Wolfgang Joop sich und Ex-Frau Karin meint, mit der ihn immer noch Freundschaft verbindet. Das alles wird berichtet aus der Warte eines mehr als 70-Jährigen, der staunend feststellt, „dass diese Zeit meine beste ist“. Ehe der Leser hinein- taucht in die Welt der Fashion-Ikonen, Haute-Couture-Legenden und Laufsteg-Sirenen, lernt er einen Jungen kennen, der auf Gut Bornstedt in Potsdam aufwächst. Bei seiner tief empfundenen Liebe zur Natur und zu Tieren hätte man eher vermutet, dass aus ihm ein Gärtner oder Veterinär würde. Nicht unbedingt ein Modedesigner. Oder vielleicht doch?

Auf Besuch bei Oma Joop spürt der kleine Wolfgang erstmals ein „exotisches Glimmen“, eine „unbekannte Welt“ haucht ihn an. In Gestalt eines seidenen Tuchs, das er Jahrzehnte später bis ins kleinste Detail zu beschreiben vermag: „Das Tuch durfte ich vom runden Tisch wegnehmen und mir über die Schultern werfen wie ein Kaiser von China.“ Ohne dass er ein Wort darüber verliert, fühlt man das Gewicht des schweren goldbestickten Stoffs auf schmalen Knabenschultern ruhen. Spürt, wie sich das kühle, feste Material am Körper erwärmt, gleichsam beginnt, Leben zu entwickeln. Als Initialzündung würde das taugen.

Den Erinnerungen an das viel jüngere, fünfjährige, achtjährige, neunjährige Ich möchte man noch viel länger lauschen. So lebendig und sonnenwarm geraten die Tage in Tante Ullas Gärtchen. Hier breitet sich ein alter Fliederbusch im Laufe der Zeit aus „wie eine bunte Insel im Meer der grünen Nutzpflanzen“, und die Stallungen ringsum werden zu Schauplätzen abenteuerlicher Spiele mit den Nachbarskindern Angela und Klaus. Wie ein mythisches Raunen mischen sich die Erzählungen von Oma Ote hinein, die „von früher vor dem Krieg“ handeln und teils romantischer, teils grausiger Natur sind.

Die Sehnsucht nach Bornstedt bleibt. Selbst so Spektakuläres wie die „Geburt“ von Supermodel Jerry Hall 1973 auf dem Boulevard Saint Germain flacht dagegen ab: „Sie hatte hüftlange honigblonde Haare, die sie über die linke Schulter nach vorn geworfen hatte. Sie war barfuss und nur mit einem grünen Frotteehandtuch bekleidet.“

Hamburg, Paris, London und New York sind Stationen auf dem Weg vom Moderedakteur zum Edel-Designer und Global Player. Später stellt sich bei Joop das Gefühl ein, „dass mein ganzes Leben nicht mehr unter meiner Regie ablief. Dass ich in einer Pose verharrte, während mein Ich längst gegangen war.“ Gegen Ende seines Lebens kehrt er auf das Gut seiner Kindheit zurück: „Heimat war für mich der Ort, wo ich erwartete, erwartet zu werden. Ich rechnete fest damit, dass immer jemand an diesem Orte auf mich wartete, um sich auf mich zu freuen. So wie es Ulla mit selbstgebackenem Käsekuchen tat.“

(sus)