„Auf dem Marktplatz“ von Freddy Derwahl

Auf dem Marktplatz : Autor Freddy Derwahl führt „literarische Selbstgespräche“

Seit Jahren sitzt Freddy Derwahl, 72, jeden Nachmittag beim Griechen auf dem Eupener Markplatz, in einem Korbstuhl, vor sich ein Retsina. Und beobachtet. Führt Gespräche. Lässt sein Leben passieren.

Erinnert sich und fügt Gedanken in neuen Perspektiven zusammen. „Früher selbst mitten im Gemenge, entwickelte ich mich zu einem Anarchisten im privaten Schreibglück.“

„Auf dem Marktplatz“, so auch der Titel seines neuen Buches, führt Derwahl „literarische Selbstgespräche“. Auf brillante Weise schafft er es, das Leben im Dreigrenzenland von der düsteren Nachkriegszeit bis heute zu sezieren – anhand politischer, religiöser und persönlicher Erlebnisse, „tumultuöse Frauengeschichten“ inklusive. Wir lernen vor allem unzählige Insider-Details über diese Deutschsprachige Gemeinschaft nebenan. Derwahl („Ich bin leidenschaftlicher Belgier“) hat genau beobachtet, als Bonvivant, als Flaneur durchs Dasein und als Journalist – erst bei der AVZ in Aachen, später in Eupen beim Belgischen Rundfunk und beim Grenz-Echo. Nach Aachen pendelte er per Bus. „Mit der belgischen Lässigkeit, mit Brel, Magritte und Simenon war es hinter dem Preuswald zu Ende.“

Derwahl studierte zu Zeiten großer flämisch-wallonischer Unruhen zunächst in Löwen und lernte ab 1965 an der TH bei Germanistik-Skandalprofessor Hans Schneider, den er wie so viele Studenten überaus schätzte. „Mit schwarzer Hornbrille saß der hochgewachsene Herr hinter seinem Schreibtisch und horchte auf, dass ich Belgier sei. Unser literarisches Umfeld interessierte ihn. Ich war willkommen.“ 30 Jahre später war auch Derwahl fassungslos über die ranghohe NS-Vergangenheit des Faust-Liebhabers und Chamäleons Schneider-Schwerte: „So faustisch behalte ich den Nazi, der mir dringende Kontakte zum Königreich Belgien empfohlen hatte, in Erinnerung.“

Schon in der Schule begann Derwahl seine Aufsätze zu schreiben, bevor der Lehrer alles genau erklärt hatte. Warum so eilig? „Weil ich muss, Herr Professor.“ Mit 17 der erste Gedichtband, fasziniert von Rilke und Appollinaire. In Bad Münstereifel, bei einer Buch-Vorstellung, wurde der junge Journalist bei einem Empfang einmal „zufällig in die Arme von Heinrich Böll geschubst.

„Wir konnten uns beide nicht befreien und er sagte: Ja, da stehen wir hier, was tun wir denn jetzt? So schlug ich ihm ein Interview für den Belgischen Rundfunk vor.“ Man kam ins Gespräch, Derwahl wollte wissen, wie man am besten über Heiligkeit schreibe. Schwierig, habe Böll gesagt, „man findet die Worte nicht, die Oberflächlichkeit der Zeit erstickt alles“. Derwahl schickte ihm bald danach ein Buchmanuskript. Der Literatur-Nobelpreisträger las es tatsächlich und schrieb ihm einen persönlichen, wohlwollend-kritischen Brief („ihr Manuscript mit Spannung gelesen“). Und für Derwahl („seine Bemerkungen waren bestechend“) ein Türöffner bei Verlagen.

Derwahls Buch vermischt Erlebnisse, politische Intrigen, historische Kuriositäten, umspielt von der Offenheit um eigene Todesängste nach langer Krankheit und die Suche und Sehnsucht nach Gott. Seit Jahren fährt der Autor täglich mit seinem klapprigen Auto zur Vesper nach Val Dieu, wo er „mysteriöse Nähe von großem Glück“ empfindet. Seine Frau Monika nennt er „meine Heilige“. Wenn Derwahl in eine kleine Eitelkeit abrutscht, kommt gleich großartige leise Selbstironie hinterher. Heinrich Böll hätte ihn gern gelesen.

(bmü)
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