Mysteriös und widersprüchlich: „An den Mauern des Paradieses“

Mysteriös und widersprüchlich : „An den Mauern des Paradieses“

Von der ersten Seite an erscheint fast alles in diesem Roman mysteriös und widersprüchlich – sowohl die Geschichte als auch das Nachwort des österreichischen Autors Michael Köhlmeier, mit dem er den Autor Martin Schneitewind vorstellt.

Der Roman spielt im Nahen Osten. Altorientalist und Journalist David Ostrich reist an den Persischen Golf, genau genommen auf die Insel Dilmun, das heutige Bahrein, um sich die Tontafeln mit assyrischen und sumerischen Schriftzeichen anzusehen, die bei einem Dammbau gefunden wurden und deren Inhalt ein neues Licht auf die Schöpfungsgeschichte werfen könnte.

Mit dem neuen Damm soll der Persische Golf trockengelegt werden, um einerseits Neuland zu gewinnen und andererseits Flüchtlingsströme abzuhalten. Thaut heißt der Mann, der für das gigantische Bauprojekt verantwortlich ist. Viele Geschichten ranken sich um ihn, kaum einer kennt ihn, und auch Ostrich wird ihn nie zu Gesicht bekommen. Als der Journalist von ihm den Auftrag erhält, seine verschwundene Tochter aufzuspüren, ist er überrascht. Von seinem kritischen Geist und der Recherchelust angetrieben, übernimmt er jedoch die Aufgabe. Angst und Unruhe spürt der Journalist, als er versucht, die Bewohner des Arbeitslagers auszuhorchen. Gute Antworten bekommt er kaum, zu sehr beeinflussen die undurchsichtigen Machenschaften Thauts das Leben der Arbeiter. Parallel berichtet in einem zweiten Erzählstrang ein weiterer Ich-Erzähler, ein Soldat, über die Eskalation militärischer Gewalt gegen Flüchtlinge, an der er selbst beteiligt ist.

Beide – der Journalist und der Soldat – bewegen sich in einem düsteren Szenario aus Täuschungen und Widersprüchen. Beide begegnen sich vier Monate später als Gefangene am Rand der Wüste. Ostrich plant die Flucht, die ihm beim zweiten Versuch gelingt.

Ein Happy End mit einem Lichtblick könnte man annehmen – trotz der dystopischen Themen wie Naturzerstörung, Klimawandel und steigender Meeresspiegel, Flüchtlingsströme und Grenzbefestigungen, die hier zu einer einzigartigen ominösen Geschichte zusammengeschnürt sind. Wohl kaum, denn die Frage nach der Wahrheit, der Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion, die der Roman thematisiert, bleibt offen.

Ebenso die wahre Identität des Autors. Unter den vielen Mythen und Geschichten in diesem Buch hört sich Köhlmeiers Nachwort am geheimnisvollsten an. Er erzählt von seinen früheren Begegnungen mit dem Autor. Der ist bereits verstorben und war ein Bekannter aus lang zurückliegenden Studientagen, die beiden wohnten kurzzeitig zusammen in einer Studenten-WG. So unversehens wie Martin Schneitewind damals aufgetaucht war, verschwand er wieder. Köhlmeier hörte nichts mehr von ihm bis eines Tages Schneitewinds Witwe auf ihn zukam mit der Bitte den Roman zu veröffentlichen. Da der Text im Französischen verfasst war, bat Köhlmeier einen Kollegen um Übersetzung. Auch diese erstaunlich intensive Darlegung der Vorgeschichte wirft unweigerlich die Frage nach der Wahrheit auf.

Vielleicht hilft hier David Ostrich weiter. Der Protagonist resümiert am Ende seiner Recherche mit bitterer Einsicht die Unmöglichkeit des Beweisbaren in einem absoluten Sinn. Wahrheit ist relativ. „. . . wir können letztlich bloß von Wahrscheinlichkeiten sprechen“, steht es auf der letzten Seite des Romans.

(ne)
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