Aleander Osang: „Die Leben der Elena Silber“

„Das Leben der Elena Silber“ : Warum sind wir, wie wir sind?

In „Das Leben der Elena Silber“ verarbeitet Alexander Osang die Biografie seiner Großmutter und seiner Familie. Sein Buch spannt einen sehr weiten Bogen.

„Sina Krasnowa schob die letzten Scheite in den Ofen, als sie draußen in der Stadt ihrem Mann einen Holzpfahl in die Brust schlugen.“ Das muss man Alexander Osang lassen: Beim Thema „starke erste Sätze“ ist er kaum zu toppen. Aber nicht nur das: Sein neuer Roman „Die Leben der Elena Silber“, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht, erzählt auf mehr als 600 Seiten die Geschichte eines Jahrhunderts, die seiner Familie und vor allem die einer Reihe eigenwilliger Frauen wie Sina Krasnowas Tochter Elena Silber – die allerdings weniger im Zentrum steht, als der Romantitel vermuten lassen würde.

Zu Hause fühlt sie sich nirgendwo

Dennoch ist sie der Bezugspunkt für die gesamte Familie. Am Anfang steht ihre Flucht aus ihrem Geburtsort Gorbatow nach dem Mord an ihrem Vater, der für seine antizaristische Gesinnung später zum kommunistischen Helden verklärt wird. Auf der Flucht ist sie noch oft: erst aus der russischen Provinz nach Moskau und St. Petersburg, nach der Hochzeit mit dem deutschen Ingenieur Robert dann aus der Sowjetunion ins Berlin der 30er Jahre, 1945 schließlich aus Schlesien in die Hauptstadt der DDR. Zu Hause fühlt sie sich nirgendwo.

Wie zuvor ihr Bruder ist ihr Mann da bereits verschwunden. Man weiß nicht, ist er in den Westen abgehauen, oder haben ihn die Russen umgebracht? „Ich konnte das nicht klären, ich habe die Recherche auch an einer bestimmten Stelle abgebrochen“, sagt Osang. „Das Spiel mit den Möglichkeiten im Roman ist natürlich auch etwas Tolles.“

Aleander Osang: „Die Leben der Elena Silber“ , 619 Seiten, 24 Euro , S . Fischer . Foto: dpa/-

„Nichts ist so unvorhersehbar wie die Vergangenheit“, hat der Autor dem Buch vorangestellt. Das klingt paradox und trotzdem einleuchtend. Osangs Roman lässt sich als Versuch verstehen, sich darauf einzulassen. Er ist nicht autobiografisch, aber die Geschichte von Elena Silber ist an die seiner Großmutter angelehnt, Viktor Krasnow, der Mann, der 1905 im russischen Gorbatow gepfählt wurde, an seinen Urgroßvater. Und auch für viele weitere Romanfiguren gibt es Vorbilder, auch wenn sie anders heißen und nicht einfach literarische Kopien sind. Der Filmemacher Konstantin ist Osangs Alter Ego – ein Antiheld, der versucht, die Leerstellen der Familiengeschichte zu füllen und dabei immer wieder scheitert.

Osang (57) hat vor dem Schreiben mit Verwandten gesprochen und umfangreich recherchiert. „Ich bin mit den Legenden meiner Grußmutter groß geworden, wie mein Urgroßvater gepfählt wurde und dass er ein Kampfgefährte von Lenin war, viel mehr wusste ich ja nicht“, sagt er. Und so ist er auch an die Schauplätze seiner Familiengeschichte gereist, selbst nach Moksau, St. Petersburg, Nischni Nowgorod und Gorbatow. „Ich kannte Russland natürlich ein bisschen, aber ich war nie in diesem Ort, aus dem meine Großmutter stammt.“

Für die Recherche war Osang im Winter und im Sommer da, um zu spüren, wie kalt und wie heiß es dann ist, um ein Gefühl zu bekommen für das Leben dort – und um die Straße zu sehen, die nach seinem Urgroßvater benannt ist. „Ich habe früh gewusst, dass es ein Roman wird, weil es viele große weiße Flecken in der Geschichte meiner Familie gibt und sehr viele Widersprüche“, sagt er. „So dass klar war, ich möchte da mehr Freiheiten haben, als ein Sachbuch mir ermöglichen würde.“ Der Roman gibt ihm recht.

Osang, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Journalist, ist ein viel zu guter Erzähler, als dass er einfach den Stationen seiner Familiengeschichte von 1905 bis vorgestern folgen würde. Sein Buch spielt auf drei Ebenen: der fernen Vergangenheit, als Elena Silbers fünf Töchter noch klein waren, in den 80er Jahren in Berlin-Pankow und in der Gegenwart, in der nur noch drei der Töchter leben und Konstantins Vater Claus dement im Seniorenheim landet. Auch daraus macht Osang eine eindrucksvolle und manchmal sogar berührende Geschichte. Und er stellt die Frage, warum wir so sind, wie wir sind.

Sein Roman erscheint 30 Jahre nach dem Mauerfall. Osang, selbst im Jahr nach dem Mauerbau im Osten der geteilten Stadt geboren, blickt bewusst weiter zurück – auch weil sich manches gar nicht anders verstehen lässt, nicht in der eigenen Familiengeschichte und nicht in der ganz großen.

Mehr von Aachener Nachrichten