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Neuer Roman von Stefanie de Velasco: Abschied von der Glaubensgemeinschaft

Neuer Roman von Stefanie de Velasco : Abschied von der Glaubensgemeinschaft

In ihrem Roman „Kein Teil der Welt“ beschreibt Stefanie de Velasco, wie die Freundinnen Esther und Sulamith mit ihrer Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas ringen. Ihr gelingt ein kritischer, aber einfühlsamer und geschickt konstruierter Einblick in eine meist verschlossene Gemeinschaft.

Es ist kurz nach der Wende in einem Ort im Rheinland. Esther und Sulamith sind gerade 16 Jahre alt geworden. Esther lebt mit ihren Eltern auf einem Hof mit Himbeeranbau, Sulamith mit ihrer Mutter in einem Plattenbau. Die Mädchen sind zusammen aufgewachsen und seit jeher beste Freundinnen. Was die beiden außerdem gemeinsam haben, ist die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas. Genau wie ihre Glaubensbrüder und -schwestern sehen sich die beiden Mädchen als „Menschen aus der Wahrheit“, sie feiern keine weltlichen Feste wie Geburtstage oder Weihnachten und lehnen ein Leben in der alltäglichen Welt ab – zumindest, bis Sulamith einzelne Erzählungen aus der Bibel infrage stellt und sich in Daniel, einen „Menschen aus der Welt“, verliebt.

Esther allerdings bleibt standhaft. Sie glaubt an Jehova und seine Verkündungen, hauptsächlich jedoch aus Angst vor Konflikten mit ihren Eltern, die als Sonderpioniere in der Glaubensgemeinschaft einen sehr hohen Rang innehaben. Die Gemeinschaft und der Zusammenhalt bedeuten Esther mehr als ihre persönliche Freiheit; das Leben in der Welt ist ihr fremd. Sie passt sich so gut es geht an und verfolgt weiterhin die Lehren ihres Glaubens: „Unser Platz war nicht in dieser Welt. Wir hofften auf das Ende des Systems der Dinge, auf die Zeit, in der wir auf der Erde ein Paradies errichten würden und Gott regierte.“

Sulamith jedoch geht einen Schritt weiter, verlässt die Zeugen Jehovas – und wird daraufhin von der Gemeinschaft und ihrer Familie verstoßen. Um Esther dem Einfluss ihrer Freundin zu entziehen, siedelt die Familie nach Ostdeutschland um. Dort helfen sie beim Bau eines neuen Königreich­saals – dem Zentrum der Gemeinde – und unterstützen die dort angesiedelte Gemeinschaft dabei, Menschen zu fischen.

Stefanie de Velasco: „Kein Teil der Welt“ (Kiepenheuer und Witsch), 432 Seiten, 22 Euro

Der Roman wechselt fortan zwischen der Gegenwart in Ostdeutschland und der Vergangenheit in Westdeutschland. Letztere wird anhand von Kindheitserinnerungen und durch die Aufarbeitung der letzten Geschehnisse erzählt. Während Esther zu zweifeln beginnt, merkt auch der Leser, dass er durch den Schreibstil von den Geboten und Richtlinien der Zeugen Jehovas eingenommen wurde. Das Erwachen daraus ist faszinierend und ähnelt der Entwicklung des Hauptcharakters, der lernt, eigenständig zu denken und Dinge zu hinterfragen.

Besonders beeindruckt der Roman im Abwägen zwischen der persönlichen Freiheit und der Verbundenheit und der Kraft, die die Gemeinschaft ausübt. Die vermeintlich langatmigen Passagen verdeutlichen eindrücklich die Monotonie und das Warten auf ein Leben im Paradies.

Stefanie de Velasco ist mit „Kein Teil der Welt“ ein faszinierender Roman gelungen, der den Sog der Zeugen Jehovas plausibel beschreibt. Kein Wunder, denn die Autorin ist selbst in einer solchen Religionsgemeinschaft groß geworden – und mit 15 Jahren auf relativ friedliche Art und Weise ausgetreten. Das ist inzwischen fast 26 Jahre her. Mit dem Roman möchte sie das Bewusstsein der Menschen für diese Gemeinschaft öffnen.