Bonn: Brutaler Bassa Selim im Kubus

Bonn: Brutaler Bassa Selim im Kubus

Die erste Besucherin verließ lautstark protestierend das Bonner Opernhaus, als Bassa Selim zwei seiner Haremsdamen brutal in eine Wasserlache drückte und vergewaltigte.

Die Reaktion mag überzogen sein, aber der zum Islam konvertierte Renegat in Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail” steht nun einmal mit seiner aufklärerischen Toleranz Nathan dem Weisen näher als Jack the Ripper.

Das wollen manche Regisseure bei der „Entführung” ebenso wenig einsehen wie bei der „Zauberflöte”, in der der freimaurerisch gefärbte Sarastro des Öfteren als tyrannischer Tugendbold missverstanden wird.

Auch Regisseur Markus Dietz kann sich mit der positiven Gestalt des Bassa, der seiner Liebe entsagt und dem Sohn seines ärgsten Feindes verzeiht, nicht so recht anfreunden.

Warum der Bassa bei der Eroberung Konstanzes so viel Geduld und Zurückhaltung zeigt, bleibt angesichts dieser Verzerrung völlig unverständlich. Und dass er seinen Feinden im Hass vergibt, lässt sich durch nichts erklären.

Dieses Manko überschattet eine Inszenierung, die ansonsten durch ihre genaue Personenführung durchaus überzeugen könnte. Besonders mit der minutiösen Darstellung der komplexen Beziehung zwischen dem Bassa und Konstanze.

Die anderen Figuren treten dagegen in den Hintergrund, auch wenn die muntere türkisch-englische Konversation zwischen dem skurrilen Haremswächter Osmin und Konstanzes britischer Dienerin Blondchen durchaus amüsante Meriten aufweist.

Bühnenbildnerin Mayke Hegger, die mit Markus Dietz schon am Bochumer Schauspielhaus zusammenarbeitete, verlagert die Handlung in einen weißen, unter Wasser gesetzten Kubus, dessen papierene Wände immer wieder eingerissen werden und hinter der blütenweißen Fassade Einblicke in eine trist-brutale Haremswelt zulassen.

Tempo bei der Ouvertüre

Wolfgang Lischke schlug die Ouvertüre am Pult des Bonner Beethoven-Orchesters so rasant an, dass die Streicher aus der Kurve zu fliegen drohten. Lischke hatte es ohnehin eilig, so dass etliche lyrische Schönheiten der Partitur zu kurz kamen.

Die Besetzung ist durchwachsen. Sigrún Pálmadóttir verfügt für die Konstanze über ein ungewöhnlich helles Timbre, kann aber durch gesangliche und darstellerische Intensität überzeugen. Mirko Roschkowski erfreut durch einen schönen, biegsamen Mozart-Tenor, stößt in den Koloraturen jedoch schnell an seine Grenzen.

Ramaz Chikviladze stattet den Osmin mit profunder Bass-Schwärze aus, das Dienerpaar ist mit Julia Novikova und Tansel Akzeybek vortrefflich besetzt. Ein stattliches, wenn auch zu gewalttätiges Mannsbild verkörpert Hanno Friedrich in der Sprechrolle des Bassa Selim. Geteilte Reaktionen auf eine nicht unproblematische Produktion.

Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail” ist noch am 13., 19. und 25. April, am 9., 17. und 22. Mai, 4., 13., 16., 20. und 27. Juni sowie am 4. Juli im Bonner Opernhaus zu sehen.

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