Köln: Brandauer eröffnet mit dem „Großinquisitor“ im Dom die Lit.Cologne

Köln: Brandauer eröffnet mit dem „Großinquisitor“ im Dom die Lit.Cologne

Manchmal braucht es Mut. Zum Beispiel den, zu erlauben, dass in der Hohen Domkirche Sankt Petrus (also dem Kölner Dom) ein Text zu Gehör gebracht wird, der niemand Geringeren als Jesus Christus selbst der Ketzerei bezichtigt. Das Domkapitel hat sich durchgerungen. Deshalb darf Klaus Maria Brandauer dort aus Fjodor M. Dostojewskis „Großinquisitor“ lesen.

Der Auftakt der „18. lit.Cologne“ an so prominentem Orte war überaus begehrt. Und das Kontingent von 2000 (gratis vergebenen, auf vier pro Person limitierten Karten) in Windeseile ausgeschöpft.

Einen erhabeneren Ort, um seine Kunst dem Volke darzubieten, kann sich der inzwischen 74-jährige Brandauer kaum wünschen. Im Nordteil des Doms, in der Vierung. Lang- und Querhaus der Kathedrale treffen hier aufeinander. Umflankt von vier Standleuchtern mit je drei Kerzen, die in der Zugluft flackern. Dahinter trutzt der Quader des Vierungsaltars.

Noch weiter dahinter, goldglühend unter Glas, das Allerheiligste im heiligen Köln. Der Schrein mit den Gebeinen der drei Könige, die einst der in Aachen gekrönter Barbarossa dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel zum Geschenk machte.

Als Brandauer, der in den 1980er Jahren für seine Porträts sinistrer Karrieristen („Mephisto“, „Oberst Redl“, „Hanussen“) auf der Leinwand gefeierte wurde, später selbst inszenierte und Mozart eine unvergessliche Stimme verlieh, zügig an den Lesetisch eilt, ziehen die in den Kirchenbänken ihre Schals ein wenig fester und raffen ihre Mäntel ein wenig enger um sich herum zusammen.

Viele tragen Mützen

Viele tragen Mützen und Handschuhe, sind mit doppelt dicken Socken und Decken ausgerüstet. Auch eine Wärmflasche ist verbürgt. Dabei haben sie, nach der Begrüßung durch Dompropst Gerd Bachner und der Einführung von Joachim Frank (Vorsitzender der „Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschland“) nur schlanke sieben Minuten warten müssen. Aber Gottes Atem — mit zwischen drei und sechs Grad — fühlt sich sehr kalt an in dieser Kathedrale.

Manchmal braucht es Mut. Aber manchmal genügt der Mut, alleine genommen, nicht. Und sicher würde man jetzt, an dieser Stelle, gerne etwas lesen über die Macht des Wortes. Oder über die Macht des Glaubens. Oder über die „Freiheit des Gewissens“, die in Dostojewskis Text, der einst als Teil seines Romans „Die Brüder Karamasow“ erschien, vorgeblich verdammt, um tatsächlich als zutiefst menschliche Wahlmöglichkeit gepriesen zu werden.

Leider ist die Klangqualität ganz grauenvoll. Auch der Versuch, daran in der 15. Minute der insgesamt 70-minütigen Lesung etwas zu ändern, fruchtet nur ganz kurz. Dann hat der Hall erneut gewonnen. Man sieht förmlich, wie die Ohren des Publikums ganz, ganz weit nach oben spitzen, um trotzdem etwas davon zu erhaschen.

Aber viele geben irgendwann vorzeitig auf. Wäre man böse, könnte man mutmaßen: weil es ja nichts gekostet hat. Und, wenn man noch böser wäre, könnte man auf die Idee kommen, dass einige gar nicht gewusst haben, auf was sie sich da eigentlich eingelassen haben. Wer kannte den Text tatsächlich? Wer liest heute überhaupt noch Dostojewski?

Romane, in denen alle so furchtbar komplizierte, furchtbar ähnlich klingende, Namen tragen, und die allesamt, so wortreich und verschachtelt sind, dass sie kein Ende finden... Schade ist es. Unendlich schade, dass die Chance, mit Dostojewski, „einen visionären Blick auf die Herrschaftsmechanismen aller ideologisch verbreiteten Diktaturen“ (Dompropst Bachner) zu werfen, vergeudet wurde. Man weiß um die Akustik des Kölner Doms.

Und auch um die Vortragsweise eines Klaus Maria Brandauer. Der nie nur Lesender war, sondern immer auch Schauspieler. Einer, der sich zurücklehnt, wird, tief hinunter bis ins Flüstern dimmt. Herrlich.